Scheiße, bin ich gut! | April

Uwe Schloen: Scheiße bin ich gut

Seit dem 1.1.2013 finden Sie hier Uwe Schloens Künstlerroman "Scheiße, bin ich gut" in täglicher Dosis.
Das Buch erschien am 31.12.2012 bei amazon als ebook.

April

Wieder im Atelier. Und da liegt sie, die Absage aus den USA.

Und so geht es weiter: vor der Kellertür liegt Meese, im Schlafsack eingerollt.
Lola ist abgehauen, mit irgend einem windigen Russen nach Ibiza.
Kann meine Schadenfreude kaum verbergen, nehme ihn gerade deswegen erstmal auf.
Er weigert sich abzuwaschen und einzukaufen, er sei momentan dazu nicht in der Lage.
Da hab ich mich auf was eingelassen. Lusche!

Im Dorfgasthof übernachtet. Mit dem Wirt getrunken, was eh das Letzte ist.

Schlimmer wäre nur noch gewesen, gebrauchte Zahnbürsten auszutauschen oder sich gemeinsam in eine Badewanne zu setzen.

Zum Glück strotzt die Welt nur so vor Idioten.

Das macht es für den Rest der Menschheit spannend.

Mein Leben aus dem Blick verloren. Gucke nur noch stundenweise.

Rückfahrt im Regen. Meese rief an, will sich unbedingt mit mir treffen.

Kann warten.

Viele Dinge erledigen sich eher, wenn sie nicht besprochen werden.

Einen letzten Fernet, eine letzte Pizza und Arrivederci …

„Seid unbesorgt – natürlich bin ich arbeitslos.“ (Cesare Pavese - Freunde)

Installation im Skulpturengarten geht gut voran. Sie wird nicht die Kunstwelt erschüttern, aber verstecken muss ich mich auch nicht.

Melancholisch in der Bar. Momentan gibt es keinen Grund Italien wieder zu verlassen. Und doch… Maria sieht das ähnlich. Gianni, Giovanni, Zorro und die anderen auch. Ein Elend.

Was den Italiener an und für sich auszeichnet ist fraglich. Aber seine Sonnenbrillen sind unglaublich. Jedem anderen würde man sie von der Nase reißen. Aber der Italiener darf das,
der ist so. Der fängt da an, wo unsereins vor Scham im Boden versinken würde.

Gut so, die wahre Avantgarde.

„Damit sich die Lage der Rührwelle zum Schlitz nicht verändert, wird der Stellschieber nicht gradlinig verschoben, sondern um die Rührwelle geschwenkt.“ (Aus der Bedienungsanleitung zu Marias neuem Küchenmixer)

Seit 20 Jahren habe ich eine Wochenendbeziehung mit Italien. Jetzt sollten wir nicht mehr zusammenziehen, bei den Macken, die wir entwickelt haben.

Außerdem liegen die Vorteile auf der Hand: Die Rechnungen gehen wo anders hin. Ich habe einen Fluchtort, den ich romantisieren und verherrlichen kann. Mein Italienisch ist kaum existent, so wahre ich Distanz und verstehe die Leute nicht. Sonst würden sie mir wahrscheinlich auf den Geist gehen.

Auf der Post gewesen, wieder kein Brief für mich: Muss ich den Freundeskreis wechseln?

Zum wiederholten Male die Malereien von Luca Signorelli im Dom von Orvieto angeguckt.

Das Leben ist kurz und der Mensch neigt dazu, die wenigen gesunden, erstrebenswerten und elementaren Kommunikationsmöglichkeiten zwischen Mann und Frau bewusst oder unbewusst ins Kontraproduktive zu überführen.

Maria wollte es schier zerreißen vor Lachen und prustend sagte sie: Mit uns wird das nie was,
komm ins Bett!

Interessante neue Malerei entwickelt. Aber leider vor Tagen entschlossen, nicht mehr zu malen, sondern Konzentration auf das Wesentliche. Schade eigentlich.

Giovanni in seinem Atelier besucht. Die Bilder sind nichts, bewundere aber seine Leidenschaft und sein Selbstverständnis. Total versackt.

Ich würde in jedem Imbiss in Krakau ausstellen,
weil ich die Krakauer so gerne mag.
Ich würde in jeder Kneipe in Wien ausstellen,
weil ich die Wiener so gerne mag.
Ich würde in jedem Bordell in Frankfurt ausstellen,
weil ich die Frankfurter so gerne mag.
Aber in Hamburg? In Berlin?
Gar in Paris?
Pfui Teufel! Nur ungern

Postkarten an Tracy und Meese geschrieben.

Weiter an der Serie:“ Das Verhältnis der Geschlechter in Italien“ gearbeitet.

Maria sagte, Verhältnis sei das falsche Wort. Mit dem richtigen wollte sie nicht rausrücken.

Lange mit den anderen in der Bar gestanden und dem Plätschern des Regens gelauscht.

Verregneter Sonntag in Italien. Die Leute in der Bar warten auf besseres Wetter, oder darauf, dass die Zeit vergeht. Gehe zum Friedhof und sage den Toten hallo.

Ich muss meine autoerotische Verkapselung aufbrechen und mich fremden Quellen der Lust zuwenden. Möglich, dass sie mir zu fremd sind. Und da Maria sich immer abwendet, ist das eine schwierige Gemengelage.

Giovanni, der ortsansässige Künstler und Fahrschullehrer sieht mich durch den Regen stiefeln. Er rennt aus der Bar, spannt seinen Regenschirm auf und bringt mich schwatzend bis zum Alimentari. Dort falle ich den Verkäuferinnen in die Arme. Komme mit fünf Liter Wein und Feigenmarmelade nach Hause. Herrlich! Wenn ich etwas bedaure, dann dass ich nicht frühzeitig den Mut aufgebracht habe nach Italien zu ziehen.

Auf den Straßen gehen die Mädchen mit ihren Geheimnissen spazieren. Ich widme mich der autoerotischen Verkapselung und dem Wein.

Man versucht es immer wieder, aber es ist vorbei. Die Muse küsst nicht mehr.

Sie liegt mit Meese oder wem auch immer hinterm Busch.

Dafür ist Maria wieder da. Frage nicht nach ihrer Schwester. Bekomme dafür ein wunderbares Lächeln.

Ich kau ihr ein Ohr ab,
sie lässt mich auflaufen.
Ich mache schlapp,
sie geht mit den anderen saufen.
Sie lässt mich im Regen stehen,
ich lass einen Wind gehen.
Sie nimmt ihren Hut,
Ich sage: Tuttut.

Wo ist das Fieber geblieben? Das Aufgehen in der Kunst? Es ist ein elendiges Rattenrennen geworden. Ausstellungen, Projekte, produzieren, produzieren. Bitte auch was Verkaufbares.

Kein Experiment mehr, keine Zeit mehr. Schnöder Mammon, und kein Spaß.

Hier in Italien denke ich schon an den nächsten Aufenthalt in Polen.

So geht das nicht weiter. Aber wie?

Mit Maria ist auch die glutäugige Italienerin an und für sich aus dem Ort verschwunden.

Eine auffallende Verostdeutschung tritt an ihre Stelle: Verwachsene Frauen mit Badelatschen, fettigem Haar und Trainingsanzügen. Die letzte Sportstätte haben sie im Schulunterricht betreten. Aber in der Zwischenzeit Mengen an Pasta und Chips in sich reingeschoben.

Wie soll man denn da arbeiten? Fernet in der Bar, abhängen mit Gianni.

Maria ist einige Tage zu ihrer Schwester nach Rom gefahren.

Da lachen ja die Hühner, Gianni erzählte mir, sie habe keine Schwester.

Wie komm ich hier an Opium?

„Die Welt lernt nix aus der Kunst. Die Menschen merken sie ja gar nicht.“ (M. Lassnig)

Mit den anderen Dicken und Doofen in den Park der Monster.

Im schiefen Haus vom Schwindel überwältigt

Der Wein floss in Strömen. Galeristinnen ließen alle Hüllen fallen.

Mehr Wein. Doppelkinn und Zellulitis.

„Komm, mein Stier, ich stell dich aus, du kommst groß raus!“

Blieb in der Hose. Also wieder keine steile Karriere.

Weinselig in Marias Arme gefallen und geheult.

Auch nicht schön.

Die Lampen schaukeln, alles wackelt, ein Knacken im Gebälk der umliegenden Häuser.
Tauben fliegen auf, Ratten huschen durch die Gasse. Eine leichte Ahnung vom Ende der Welt, finale Abrechnung. Mit elf Doktorspiele mit der Nachbarin, mit 16 Geld geklaut, mit 18 zu einem Schwarzen Neger gesagt. Jetzt kommt die Quittung. Renne in die Bar, klammere mich an die Theke, trinke drei Fernet hintereinander. Jetzt das eine, das große endgültige Bild malen. Aber Maria ist nicht da. Verkrieche mich schlotternd unter meiner Bettdecke.

Leben am Arsch der Welt, am Mittelpunkt.

Frau in Violett, Civita di Bagnoregio. Skizzen für Installation im Skulpturenpark in Civitella.

Sehe überall Brüste und rote Münder. Die Schinken wackeln nicht nur vom Erdbeben.

Mit Maria in die Disco. Sie gefragt, ob sie Modell stehen würde. Unklares Lachen ihrerseits.

Späte Biere auf der Piazza.

Ich kann mich noch so sehr anstrengen, nur ein Leben zu leben, die anderen werden tausend andere darin entdecken. Von daher ist es unvermeidlich, dass ich anderen weh tue, sie enttäusche. Gibt es noch Leute, die man enttäuschen kann, hat das Leben noch Sinn.

Kann man selber noch enttäuscht werden, so ist man noch nicht ganz verblödet

Sonne.

Immer wieder Civitella, dieser kleine Scheißort. Kann immer noch kein Italienisch, komme immer noch wunderbar mit den Leuten klar. Großes Hallo im Alimentari. Die Schinken hinter der Theke wackeln, Erdbebennachwehen.

Ein Stück von mir, vertrauter Ort. Gedanken an Lola, Opium und das Rattenrennen in Deutschland verschwinden. Werden ersetzt von Maria, Fernet und dolce vita.

Ein abgelegener Ort in dem man merkwürdige Erfahrungen sammelt.

Lange in der Bar gewesen. Maria und Alessandra sahen umwerfend aus.

Via Hammelburg zum Brenner. Erster Cappuccino. Tagträume von toter Ex-Geliebten und anderen Wiedergängerinnen. Wie immer unterwegs, da tauchen sie alle auf. Pension in Sterzing. Geleckt, Charme der 60iger, ein Alptraum. Alpenländisches Getue, schrecklicher Kitsch. Einige Fotos für Meese gemacht. Weiter gen Süden!

Endlich der Tag auf den ich gewartet habe. Plötzlich und unerwartet war er da. Aufbruch gen Italien. Genitalien. So soll es sein. Mal raus aus dem Trott. Sollen doch die anderen ein paar gute Bilder malen.

Im Formule 1 untergekommen. Alles aus einem Guss. Im Nebenzimmer zwei Afrikaner, die die halbe Nacht sangen. Surreal

Im Club. Durch Olgas Strumpfhosen duftete die Verheißung des Wahnsinns. Die Drinks kamen, und ich verhielt mich entzückend, d.h. wir stießen an und ich versuchte sie auszuziehen. Die Schlampe warf ihren Slip über die Stehlampe. Darüber hinaus lobte ich die Getränke, die Häppchen, den Tag und den lieben Gott. In etwa alles, was vom Urknall bis zum heutigen Tag dazu beitrug, ein Wesen wie Olga entstehen zu lassen.

Ich achtete sogar darauf nicht zuviel Opium zu rauchen.

Wer will schon erfolglose Freunde? Zu erfolgreich ist aber auch nichts, dann kommt der Neid dazu. Tiefgelb.

Abends erst Fußnägel geschnitten, dann darüber gerührt, wie gerührt ich sein kann.

Stundenlang geheult.

Tracy nicht erreicht. Wollte ihr sagen, dass ich denke, Gott hat einen Bart, ist also schwul.

Hatte Lust mich zu verwandeln. Mich dadurch erkannt. Aber Lola und Meese nicht.

Sie liefen grußlos an mir vorbei.

Morgens Pickel auf der Backe entdeckt und gesehen, dass meine Ohrläppchen immer noch angewachsen sind. Die Geschichte mit dem dritten Hoden lass ich mal außen vor, wir sind ja nicht im Club. Sofort neues Selbstportrait geplant.

Nebenbei: Ein drittes Ei steht in der indischen Mythologie für Einfühlungsvermögen und Selbstkritik. Quasi das Gegenprogramm zu den Einhodigen. Siehe Hitler. Unter den Kastraten ist der Einhodige Führer.

Mit Tracy telefoniert. Sie meint Gott ist lesbisch. Das würde einiges erklären. Habe ihr gesagt, wir sollten uns mal treffen, ich hätte dazu einige Fragen.

Man sollte Fehler immer zugeben, das bringt die Leute aus dem Konzept, und erlaubt einem mehr zu begehen.

Welch Privileg, anderen zeigen zu dürfen, was man gemacht hat, sie in eine Ausstellung einzuladen oder ihnen Texte zu lesen geben. Die Bewunderung, die einem zu teil wird, der Applaus des Publikums. Das man für so etwas Schönes sogar Geld bekommt und mitunter eine Zeitlang davon leben kann, ist ein unvergleichliches Glück. Während andere mühsam im Regen Häuser bauen oder bei Lidl an der Kasse sitzen, darf ich das machen, was ich am liebsten mache, und bekomme teilweise sogar Geld dafür. Im Vergleich dazu nehmen sich 30 Tage bezahlter Urlaub lächerlich aus.

Heilandzack, und das Beste, ich bin den ganzen Tag nüchtern und fühle mich trotzdem wie im Rausch.

News


Schloen Infos

Seite 1 von 5   »

Petra Fiebig + Uwe Schloen: Gemeinschaftsausstellung "Blei und Bleistift" im Till-Richter-Museum Buddenhagen
Installation in der Jakobikirche Hamburg

4.9. -8.9. 2017

workshop in Zusammenarbeit mit Carola Gottschalk

Kunstverein Göttingen
Workshop zum Thema "Fremd" an der Montessori-Schule / Hort der Montessori-Vereinigung Nürnberger Land e.V. in Lauf bei Nürnberg.
Link: http://hort.monte-blog.de/blog/
6.8. bis 15.9. 2017
Galerie am Stall, Hude
Neue Bleiarbeiten Galerie am Stall, Am Ebenesch 4, 27798 Hude
20.6. -4.7.2017
Workshop mit estnischen Künstlern
im Kunsthaus am Schüberg, Ammersbek bei HH

Weitere Informationen dazu unter diesem Link:

Kunsthaus am Schüberg Kunsthaus am Schüberg, Ammersbek bei HH
18.5. bis "Ende offen"

Strassen, Luxembourg (Skulpturen) Luxembourg
19.4. - 7.5. 2017

Noorus Gallery, Tartu, Estland (Juri Wedro) Tartu, Estland

Ausstellung mit S.Wywiorski in Krakau (Pl)

Krakau, Polen

Endveranstaltung "Dixi-Vitrine"

Dixi Show in der Galerie KDKunst, Wallhöfen und Pavel Schmidt(CH) in der Dixi-Vitrine

Galerie KDKunst, Wallhöfen