Eröffnungsrede

Auf dem Gelände der NVV- des Niederrheinischen Verkehrsverbandes- in Mönchengladbach steht eine Haltestelle, die entfernt an das Logo der NVV erinnert. In der Nähe des Busdepots gelegen, fahren ständig Busse vorbei, Leute gehen vorbei, aber die Busse fahren in die riesigen Garagen, an der Haltestelle stoppen sie nicht. Nur manchmal die Busfahrer auf dem Weg nach Hause, um eine zu rauchen.

Meine Damen und Herren, liebe Freunde!

Busse, also Linienbusse gehören zu unserem Alltag, wie das tägliche Brot. Sie sind so präsent und allgegenwärtig, dass sie von manchem Menschen schon gar nicht mehr wahrgenommen werden, zumal dann, wenn sie beinah lautlos durch eine Fußgängerzone rollen. Sie sind einfach da, oder auch einfach eben weg, was ihre Präsenz durch ihre Abwesenheit um so eindringlicher macht. Wir kennen dieses alte Phänomen, dass das, was da ist, erst dann wahrgenommen wird, wenn es nicht mehr da ist. In Beziehungen ist das manchmal so, beim täglichen Brot ist das so und bei Bushaltestellen erst recht.
In der Kunst, beispielsweise in der Pop-Art wurde darum schon in den 60er Jahren darum gebuhlt, die Aufmerksamkeit für das Alltägliche zu schärfen. Etwa für Konservendosen der Firma Campbell. Und andere Künstler wie Christo und Jean Claude haben durch Verhüllung von Dingen, etwa den Reichstag, auf seine Bedeutung aufmerksam gemacht. Rein wahrnehmungstechnisch ist das Verhüllte wesentlich reizvoller, als das total Sichtbare. Denn es bietet Spielraum für die Fantasie.

Uwe Schloen verhüllt nicht und er betreibt auch keine Sehschulung im Sinne der Pop Art. Und, so könnte ich mir denken, Uwe Schloen zählt auch nicht unbedingt zu den großen Busnutzern dieser Zeit. Allein der Transport des von ihm gerne verarbeiteten Materials, nämlich Blei, spricht gegen öffentliche Verkehrsmittel. Dabei reist er gerne.
Immer wieder treibt es den Künstler in die Ferne. Norddeutschland, Dänemark, Finnland, Luxemburg, die Niederlande sowie, beinah regelmäßig, Italien stehen auf seinem Programm. Italien schon allein durch seine seit 2000 im Giardino di Daniel Spoerri beheimatete Außeninstallation „Bunkerdorf“. Jüngere Reisen brachten ihn nach Nordafrika oder Osteuropa, nach Polen und die Slowakei, nach Budapest sowie Rumänien. Und weitere Fahrten sind geplant.
Dabei ist das Reisen kein purer Selbstzweck und dient dem Künstler auch weniger zur Findung attraktiver Souvenirs. Eher gegenteilig bringt Schloen etwas mit in das jeweilige Land oder den Ort, den er aufsucht. Ich rede nicht von Präsenten, sondern von unterschiedlichen Ideen, die darauf ausgelegt sind, mit den Menschen vor Ort ins Gespräch zu kommen. Und hierin ist Schloen ein wahrer Meister, was vielleicht jeder bestätigen kann, der ihn beim Aufbau der Bushaltestelle auf dem Gelände der NVV erlebt hat.
Der Anblick jener seltsamen Architektur, wie sie hier an zentraler Stelle entstanden ist, aus Holz, mit Blei ummantelt, innen mit dunkler Farbe gestrichen, dazu Uwe Schloen selbst, dem Wetter trotzend, temporär unterstützt vom Künstlerkollegen Georg Janthur. Das irritiert so manchen eiligen Besucher des Amtes und so manchen Mitarbeiter des Hauses auch. Zumal das, was da entseht, tatsächlich als Wetterschutz im Sinne einer Bushaltestelle eine Funktion aufweist, wenngleich sie auch keine Buslinie direkt anfährt oder anfahren wird.
Und so kommt es zu Gesprächen, zu Gesprächen über das Blei mit all den Hinweisen auf mögliche Gefahren und all den Hinweisen auf die Ambivalenz des Materials, das Spuren der Zeit aufweist und jeden Fingernagelritzer für beinah ewig fixiert. Da ist die Rede von der „bleiernen Zeit“, die schwer auf uns und unseren Gliedern lastet und dass die Preise für Blei erschreckend hoch sind. Da ist die Rede von der eigenwilligen Form der Haltestelle, die, wer hätte das gedacht, durch seine Zackenform das Loge der NVV AG aufgreift. Und so weiter und so fort.
Allein durch die Präsenz von Künstler und Objekt kommt es zum Dialog mit den Menschen. Uwe Schloen fördert erst einmal auf einfache Weise die Kommunikation. Das ist mit ein Grund für seine ausgedehnten Reisen durch die Lande.

Natürlich ist es damit nicht getan, denn ein jeder Mensch, der an anderen Menschen interessiert ist, lebt von der Kommunikation und fördert sie. Doch Schloen geht einen Schritt weiter. Beispielsweise plant er besagte imaginäre Buslinien von West-Ost und Nord-Süd, die sich im Laufe der Zeit wie ein Netzwerk in Europa ausbreiten. Für jeden Ort entwickelt der Künstler unterschiedliche Architekturen, die selten nur die übliche Gestalt einer Bushaltestelle aufweisen. Vielmehr verstehen sie sich als eigenständige, begehbare Skulpturen, deren faktische Gemeinsamkeit die Holz-Bleikonstruktion ist.
Fünf Arbeiten sind bereits realisiert und weitere fünf in konkreter Planung. Ca. 12/13 Haltestellen sollen es insgesamt werden. Dabei sind die Orte, an denen die Werke ihren Platz gefunden haben oder finden nicht beliebig. In der Regel handelt es sich um Orte, die sich bereits selbst der Kunstvermittlung verschrieben haben. Ein Skulpturenpark in Luxemburg, ein Zentrum für polnische Skulptur in Oronsko oder, wie hier, die Kombination aus NVV, Ströer, deutsche Städte Medien und der Galerie Noack, die jede auf ihre Art Kunst und Kultur fördern. Durch diese gezielte Auswahl ist die Chance der Verbreitung von Schloens Absicht groß, sodass aus einer anfangs linearen Verbindung ein überregionales städtepartnerschaftliches, im Idealfall europäisches Verbundsystem resultiert.

Und das ist das übergeordnete Ziel des Kunstprojektes von Uwe Schloen. Die faktischen Bushaltestellen erlauben imaginäre Buslinien, die entweder tatsächlich angesteuert oder im Internet besucht werden können. Eine abschließende Dokumentation wird das Projekt überdies zusammenfassen. Hauptsächliches Merkmal ist dabei eine Art „Schneeballeffekt“, da jede Haltestelle die Basis für weitere imaginäre oder auch praktische Nutzungen ermöglicht. Denn Schloens Konzept sieht vor, dass seine entstandenen Innenräume von anderen Künstlern für ortsbezogene Interventionen genutzt werden können. Hier darf man gespannt sein, in welcher Form der vorformulierte Aspekt des Reisens, Wartens und des Austausches aufgegriffen und weitergetragen wird.

Merkmal einer jeden Reise ist die Fremdheit. Als Reisender unterwegs zu sein bedeutet, das Vertraute hinter sich zu lassen, um sich (zunächst) in einer fremden Kulisse zu bewegen. Jeder Schritt gleicht einer Eroberung und nicht selten einer Befreiung vom alltäglichen Sein. Uwe Schloen hat für sich die Bedeutung des Reisens erkannt. Sein Projekt der „Imaginären Buslinien West-Ost, Nord-Süd“ ermöglicht auch uns, den Daheimgebliebenen ebenso, wie den ebenfalls Reisenden, das Leben in einer neuen Kulisse zu zelebrieren. Sei es imaginär, oder auch rein faktisch. Auf jeden Fall nützlich. Vielleicht erinnern Sie sich zukünftig daran, wenn Sie in einer Bushaltestelle auf den nächsten Bus warten. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass er kommt.

Dr. Christian Krausch

News


Schloen Infos

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Petra Fiebig + Uwe Schloen: Gemeinschaftsausstellung "Blei und Bleistift" im Till-Richter-Museum Buddenhagen
Installation in der Jakobikirche Hamburg

4.9. -8.9. 2017

workshop in Zusammenarbeit mit Carola Gottschalk

Kunstverein Göttingen
Workshop zum Thema "Fremd" an der Montessori-Schule / Hort der Montessori-Vereinigung Nürnberger Land e.V. in Lauf bei Nürnberg.
Link: http://hort.monte-blog.de/blog/
6.8. bis 15.9. 2017
Galerie am Stall, Hude
Neue Bleiarbeiten Galerie am Stall, Am Ebenesch 4, 27798 Hude
20.6. -4.7.2017
Workshop mit estnischen Künstlern
im Kunsthaus am Schüberg, Ammersbek bei HH

Weitere Informationen dazu unter diesem Link:

Kunsthaus am Schüberg Kunsthaus am Schüberg, Ammersbek bei HH
18.5. bis "Ende offen"

Strassen, Luxembourg (Skulpturen) Luxembourg
19.4. - 7.5. 2017

Noorus Gallery, Tartu, Estland (Juri Wedro) Tartu, Estland

Ausstellung mit S.Wywiorski in Krakau (Pl)

Krakau, Polen

Endveranstaltung "Dixi-Vitrine"

Dixi Show in der Galerie KDKunst, Wallhöfen und Pavel Schmidt(CH) in der Dixi-Vitrine

Galerie KDKunst, Wallhöfen