Frühtrunk oder der Tod ist eine dumme Nuss

Eröffnungsrede zur Ausstellung „Uwe Schloen – Frühtrunk oder der Tod ist eine dumme Nuss
Kunst im Kreishaus, Galerie Nordhorn vom 8.05. bis 5.07.2009

Meine Damen und Herren,
liebe Freunde

Die Welt von Uwe Schloen ist voller fremder, seltsamer Gestalten. Diese Erfahrung habe ich im Laufe der Jahre mit ihm immer wieder gemacht. Zumindest, was die Welt seiner Kunst anbelangt. Wir kennen uns nun seit ziemlich genau 10 Jahren, also seit 1999. Damals bespielte er unter dem Titel „Und immer feiern wir Himmelfahrt – El Greco und die Engel“ mit dem Künstlerkollegen Georg Janthur aus Wuppertal die nüchternen Räume des Papst-Johannes-Hauses in Krefeld. Während Janthur durch farbintensive Gemälde Leben in die Räume transportierte, schien das Leben in den Skulpturen von Uwe Schloen bereits in eine andere Dimension entschwunden zu sein. Schlaksige, hölzerne Figuren, mitunter durch Flügel als, ich nenne es mal „Engel“ zu erkennen, bevölkerten die Räume. Nicht wirklich schön, zumal diese bizarren Figuren ohne Arme entweder mit einer Silikonschicht umhüllt und/oder durch geschmolzene Folien partiell verklebt waren. Zusätzliche Bleiummantelungen an verschiedenen Stellen machten diese Arbeiten dabei nicht nur physisch „bleischwer“. Man merkte ihnen an, dass der Gedanke an eine tatsächliche Himmelfahrt hier nicht wirklich praktikabel erschien und dass überhaupt das ganze Thema nicht religiös theologisch zu verstehen war. Denn wenngleich diese Engelgestalten wiederum auch nicht wirklich menschlich erschienen, so war ihre Ausstrahlung, dieses Gefühl von „fliegen wollen und nicht können“, irgendwie doch sehr menschlich und vertraut.

Schloens Arbeiten wollen nie etwas abbilden, das sei hier schon mal verraten. In Krefeld lenkte der Künstler vielmehr über das Bild des Engels den Blick auf den Menschen. Möglichkeiten und Chancen des Menschseins wurden dort ebenso thematisiert, wie latent vorhandene Ängste und Schwächen. Das gesamte Werk des Künstlers ist durchzogen von dieser Ambivalenz, die auf dem Feiern positiver Möglichkeiten ebenso basiert, wie auf der Visualisierung abgrundtiefer Unmöglichkeit.

Später habe ich andere seltsame Gestalten bei Uwe Schloen angetroffen. Kleine „Teddys“, aus Plastikflaschen annähernd in Form gebracht und über und über mit Silikonnippeln versehen. Eine Zeitlang wurden sie zu Schloens künstlerischen Begleitern auf seinen zahlreichen Reisen durch die Welt. Mit ihnen und durch sie kam es zu Gesprächen mit den Menschen vor Ort. Gespräche über Kunst und die Welt, über das „unterwegs sein in einer fremden Kulisse“, wie Schloen das Reisen auch benennt. Und über die Erlebnisse, Gefühle, die man dabei haben kann. Stellen Sie sich an der Flughafenkontrolle einen Künstler mit Koffer und darin befindlichen „Plastikflaschenteddys“ vor. Himmelfahrt feiern ist nichts dagegen!

In Nordhorn wiederum beherrschen abermals andere Gestalten die Szene. Seltsame Kopffüßler ohne Arme sind es diesmal, aus Holz, bleiummantelt oder wieder mit einer Silikonschicht überzogen. Meistens treten sie in kleinen Gruppen auf und immer haben sie zu große Gummistiefel an. Ihre Erscheinung macht betroffen, irritiert, erschreckt sogar ein wenig und weckt bei uns mitunter Gefühle der Abwehr. Da macht es doch Sinn, als Horde aufzutreten. Wenn schon fremd, dann aber bitte auch en masse. „Die tun nichts“, könnte es imaginär dabei heißen. „Die wollen nur spielen!“ Und in der Tat haftet diesen eigenwilligen Gesellschaften letztlich etwas Kindliches an, hervorgerufen durch das vertraute Prinzip der kindlichen Proportionen. Aus überdimensionierten Köpfen blicken großen Augen in die Welt. Täusche ich mich, oder haftet diesen Blicken tatsächlich etwas Fragendes an? Schwingt da ein Hauch von Melancholie mit? Verwundern würde das nicht, denn vom Standpunkt der Figuren aus, erscheint die sie umgebende Welt fremd, bizarr und vor allem sehr einsam. Denn wenn sie nicht in Nordhorn weilen, so findet man sie an den seltsamsten, oft menschenleeren Plätzen, wie die Fotos (im Katalog) belegen. Wie Touristen tauchen sie dort auf, lassen sich fotografieren und ziehen weiter. Grundsätzlich mangelt es in den gezeigten Szenerien an Wärme und Geborgenheit, was den engen Zusammenhalt der Gruppe erklären könnte. Ihr Auftreten als Horde resultiert folglich weniger aus dem Bedürfnis nach Macht und der Verbreitung von Schrecken. Es spiegelt vielmehr die eigene Bestürzung, das Erschrockensein über eine Welt, die auf den ersten Blick von Fremdheit durchdrungen ist.

Doch das ist es nicht allein. Der melancholische Eindruck von Uwe Schloens Figuren ist nicht nur als Reaktion auf das Umfeld zu deuten. Vielmehr tragen sie die Fremdheit oder das Fremde bereits in sich. Denn die Ummantelungen aus Blei oder auch der Überzug aus Silikon sind eindeutige Zeichen für einerseits Schutz und andererseits auch Isolation. So wehren Blei und Silikon äußere Einflüsse ab, etwa vor Strahlung oder auch einfach nur vor Nässe. Zugleich hindern sie das Innere aber vor seiner Entfaltung. „Vergletscherung“ nennt Uwe Schloen diesen Zustand, der eine Gefangenheit in sich selbst umschreibt. Folge davon ist genau jene ambivalente Erscheinung, die seine Figuren so lieblich und unheimlich in einem wirken lässt.

Vergleichbares trifft auch auf die hier gezeigten Bilder zu, neue Arbeiten von 2008/2009, die erst einmal aufgrund ihrer überwiegend gelbbraunen Farbgebung warm und freundlich erscheinen. Zudem lässt sich einiges auf ihnen erkennen, ein Koffer, ein Bett, Tisch und Stuhl, eine Tasse sowie verschiedene Symbole wie Herzen und Kreuzformen. Eingebunden sind diese Motive allerdings in einen erzählerischen Kontext aus Fabelwesen und amorphen Figuren, die in ihrer Skurrilität der Fantasiewelt eines Hieronymus Bosch an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit das Wasser reichen könnten. Da sind sie wieder, diese seltsamen Gestalten des Uwe Schloen, nunmehr also in Form von Malerei. Und wieder erscheinen sie irgendwie ein wenig hilflos, wie sie da mit gewölbtem Bauch im Bett liegen, den Kopf in einer Schlappe verstecken, einbeinig von einer Krücke gehalten werden, in besagter Tasse versinken oder mit dünnen Beinen den übergroßen Körper auf einem Stuhl zu halten versuchen. Das macht alles keinen wirklichen Sinn unterstrichen noch durch vereinzelte Texte, die wie surreale Kommentare die Situationen zusätzlich verunklären. Es muss auch keinen Sinn machen, denn, wie gesagt, Uwe Schloen will nicht irgend etwas eindeutig abbilden. Sein Denken und Handeln, seine Kunst sucht vielmehr nach Möglichkeiten, seine Eindrücke von Welt in sichtbare Formen zu übertragen.

Da wundert es nicht, dass manche seiner hölzernen Figuren auf dem Kopf steht, oder vereinzelt große Helme gegen die Macht der Eindrücke Abhilfe leisten sollen. Anderen Figuren umhüllen die Körper mit bunten Stoffen, worauf hin sich eine weitere Gruppe gleich unter schwarzen Henkersmasken zu verstecken scheint. Immer wieder haftet den Figuren, ob nun aus Holz, oder gemalt, der Eindruck von Unsicherheit an. Je stärker oder gewaltiger die Gefühle - um so größer die Verwunderung über diese Gefühle. Schloens Figuren spiegeln immer wieder diese Verwunderung. Sie reflektieren jene unzähligen Eindrücke von Welt, jene geballte Ladung aus Liebe, Angst, Freude, Schmerz, Hoffnung und Verzweiflung, die auf sie einströmt. Zu groß erscheint dieses Feuerwerk an Emotionen, zu klein zumindest wirken die Körper in ihrer jetzigen Gestalt. Flucht erscheint sinnlos, die großen Stiefel machen schwerfällig. Auch Arme und Hände fehlen, um tatkräftig anzupacken. Da gilt es weiter zu beobachten, auf Reisen zu gehen und Studien zu betreiben. Welt verstehen, oder auch nicht, mal in der Gruppe oder allein. Und Neues auszuprobieren, selbst wenn manches auch eine Nummer zu groß erscheint. So ist die Welt von Uwe Schloen voller fremder, seltsamer Gestalten. Zumindest, was die Welt seiner Kunst anbelangt. Aber, Hand aufs Herz, sind uns die beschrieben Szenarien nicht auch irgendwie vertraut????

Dr. Christian Krausch

News


Schloen Infos

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5.August: Galerie Zollhaus Varel (Mit Kalle Proll) Varel
36. Internationaler Hansetag mit dem Programm "HanseArtWorks"
Bergen, Norwegen
Beteiligung am Jahresprogramm "Das Narrenschiff" Kunstverein Barsinghausen

Leipziger Buchmesse: Neuer Katalog im Kerber-Verlag

Leipzig

17:00 Uhr, Eröffnung im Kunstwerk und im Klinikum E. von Bergmann, Potsdam

26.02.16, 19:00 Uhr: Eröffnung
Aussstellung + workshop

 

Galerie N, Nienburg/Weser

zusammen mit Johann Jascha (A)

Kunstverein Graz in Regensburg

Gemeinschaftsausstellung

Dortmunder Kunstmuseum (U)

Gemeinschaftsaktion von 12o Künstlern, Gesamtprojekt + Raumkonzept: Axel Richter + Uwe Schloen

St. Jacobi, Jacobikirchhof 22, Hamburg
"Teilen" Gemeinschaftsausstellung, Jakobikirche , Hamburg