Uwe Schloen Transsiliconia

Installationen und Fotoserien

KunstRaum Hüll, 04.03. bis 02.04.2006

Von Christan Krausch, in: KUNSTFORUM 180, Mai/Juni 2006


In der norddeutschen Weite zwischen Bremerhaven und Hamburg erzielt seit zehn Jahren der Kunstraum Hüll durch sein ausgefallenes Progamm aus zeitgenössischer Kunst, Musik und Literatur bundesweite Aufmerksamkeit. V.a. die seit September 2000 nach aufwändigen Umbauarbeiten als Ausstellungsort freigegebene Scheune der ehemaligen Kehdinger Hofanlage, selbst als ABC Bildungs- und Tagungszentrum e.V. seit 1979 schon weit über die Region hinaus bekannt, veranlasst regelmäßig ein interessiertes Publikum, sich auf die Reise über kleinste Straßen und Feldwege nach Drochtersen-Hüll zu begeben. Denn es ist, wie Manfred Strohm und Stefan Jensen als Begründer des KunstRaum Hüll zu Recht wissen, "dieser ruhige Ort, an dem außerhalb der großstädtischen Ereignis-Kultur konkurrenzlos und unabgelenkt die Beschäftigung mit Kunst und Kultur stattfinden kann."

Auch Uwe Schloen hat sich mit seinen Arbeiten zur Ausstellung "Transsiliconia" auf den Weg nach Hüll gemacht. Diesmal war es keine weite Reise, lebt doch der 1958 geborene Künstler im rund 60km entfernten Wangersen. Dabei ist das Reisen ein klarer Bestandteil des überwiegend bildhauerisch tätigen Künstlers. So treibt es ihn immer wieder in die Ferne, nach Dänemark, Finnland, Luxemburg, die Niederlande sowie, beinah regelmäßig, nach Italien: letzteres schon allein durch seine seit 2000 im Giardino Daniel Spoerri, Seggiano, beheimatete Außeninstallation "Bunkerdorf". Jüngere Reisen brachten ihn nach Nordafrika oder Osteuropa, nach Polen und in die Slowakei, nach Budapest wie nach Rumänien. Und weitere Fahrten sind geplant. Schloen reist dabei in der Regel nicht allein. Neben verschiedenen Künstlerfreunden, so etwa der Maler und Bildhauer Georg Janthur aus Wuppertal, haben ihm in letzter Zeit für die jeweilige Tour extra angefertigte "stumme Kollegen" begleitet, kleine figurative Skulpturen aus Holz. Bohumil Hrabal beispielsweise, benannt nach dem 1997 verstorbenen tschechischen Schriftsteller und Erzähler, ist so eine Figur. Eine grob geschnitzte, weiß gefaßte, bewegliche Gliederpuppe mit eigenwilliger Silikonkappe. Zuletzt reiste die kleine  Skulptur im Gepäck von Schloen mit nach Prag, wo Hrabal bis zu seinem Tod immer wieder in seinen skurrilen, humoristischen und satirischen Erzählungen Komik, Anekdoten und umgangssprachliche Wendungen mit einer tragischen Grundstimmung mischte. Anders dagegen Franz Kafka, dessen Prosa von der Überzeugung an ein mystisches Sein berichtet. Unbeweglich, ja geradezu blockhaft erscheint folglich die nach im benannte hölzerne Figur, die ebenfalls mit nach Prag, der Geburtsstadt des Schriftstellers auf Reisen ging. Nach Amsterdam wurde Schloen weiderum durch ein kleines gummibestiefeltes Figurenduo begleitet, beide beinah vollständig mit den für den Künstler so typischen Silikonsetzungen überzogen. Eine andere Stiefelpuppe mit Silikonhaue fand 2005 ihren Einsatz in Oronsko, dem polnischen Zentrum für Skulptur. Und seine "Silikonteddies" folgten ihm bislang schon nach Rumänien, Budapest, Krakau sowie in die Slowakei.

Nun ist das Merkmal einer jeden Reise erstmal die Fremdheit. Als Reisender unterwegs zu sein, bedeutet, das Vertraute hinter sich zu lassen, um sich (zunächst) in einer fremden Kulisse zu bewegen. Jeder Schritt gleicht einer Eroberung und nicht selten einer Befreiung vom alltäglichen Sein. Uwe Schloen hat für sich die Bedeutung des Reisens erkannt. Die mitgeführten "stummen Kollegen" erlauben ihm dabei, das Schweigen und die Fremdheit der neuen Umgebung aufzubrechen, indem sie nicht weniger fremd zum Bestandteil der jeweiligen Kulisse werden. Schloen platziert die Arbeiten an verschiedenen Orten und fixiert diese Situationen dann als Fotografie, die dabei weniger durch große Brillanz oder kompositorische Raffinesse überzeugen muss. Vielmehr sind meist spontane Eindrücke, eine Wasserlache auf dem Boden, eine hölzerne Wegbegrenzung in Signalfarben, ein Friedhof, ein Bretterzaun u.a.m. Auslöser für die Fotos. In der Regel sehr belanglose Motive, die im Grunde die Fremdheit vor Ort nur noch unterstreichen. Doch regelmäßig entwickeln sich aus den eigenwilligen Aktionen Kontakte zu Passanten, die die skurrile Situation zum Anlaß eines Gepräches nutzen. Insbesondere die "Silikonteddys" aus verklebten Plastikflaschen haben sich dabei in ihrer bizarren "kindlichen" Form besonders bewährt und so über den spielerischen Umgang Kommunikation auf einer Metaebene ohne Sprache ermöglicht.

Es ist gerade der Aspekt des "kindlichen",  die Besinnung auf die Kindheit, die Schloen immer wieder auf Reisen gehen läßt. Seine Reisetagebücher belegen schon früh die Beschäftigung und Annäherung des Künstlers an die Vergangenheit, gekoppelt mit dem Bedürfnis, sich dem alltäglichen Trott zu entziehen. Eine alte Arbeit in seinem Atelier trägt folgerichtig auch den Titel "Ich nehme nicht teil", was ein ausgeprägtes Abgrenzungsbedürfnis erkennen läßt. "Nicht teilnehmen" ist dabei aber nicht gleichbedeutend mit "sich verweigern". Denn eher gegenteilig zeichnen sich Werk und Vita Schloens durch zahlreiche Arbeiten und Aktionen aus, die seinen künstlerischen Erfolg deutlich erkennen lassen. Neben dem erwähnten Bunkerdorf in Italien, eine Installation aus bleiummantelten Bauwerken für die vier alchemistischen Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft im Giardino Daniel Spoerr, zeigen so beispielsweise die "Siedlung Gölm" oder "das legendäre Silikonzimmer" von seinem anerkannten und dabei eigenwilligen Blick auf die Dinge. Vielmehr speist sich Uwe Schloens Abgrenzungsbedürfnis aus seinem selbstgewählten Dasein als Künstler, sowie der damit zwangsläufig verbundenen Einsamkeit, die er  unter dem Begriff der "Vergletscherung" für sich künstlerisch auslotet. Schon die früheren bleiummantelten Arbeiten spielen in diesem Sinne mit der Ambivalenz des Materials Blei, das sowohl in höchstem Maße Schutz (vor Strahlung), als auch aufgrund seiner Giftigkeit Gefahr verkörpert. Nicht weniger eindringlich sind jene Arbeiten aus Silokon, die nicht zuletzt durch die Farbe weiß den Eindruck von Kälte anschaulich transportieren. Dabei bedient sich Schloen auch hier der Ambivalenz des Materials, das sowohl durch die Form der Verarbeitung als Igelhaut die Bereiche Kälte, Schutz und Distanz bei gleichzeitiger faktischer Weichheit und Wärme des Materials in sich vereint. Der daraus resultierende, an die Emotionalität des Betrachters gekoppelte interpretatorische Freiraum ist ausdrückliches Anliegen des Künstlers, dessen Werke grundsätzlich Grenzen und deren Überwindung thematisieren.

In diesem Sinne ist Uwe Schloen ein Reisender. Das im KunstRaum Hüll gezeigte, über und über silikonisierte Auto, ein entkernter und seiner Räder beraubter Fiat 126 ist ihm dabei nicht tatsächlich Fortbewegungsmittel, sondern vielmehr Metapher für eine auf Nähe und Distanz, auf Fremdheit und deren Überwindung hin angelegte Reise. Ausgestattet mit einem kleinen silikonisierten Kronleuchter in der Fahrgastzelle verweist die seltsame Skulptur auf die Möglichkeit des "Sich-Einrichtens" im Rahmen der kontinuierlichen Situation eines Reisenden.

Nicht "Ankommen" ist das Ziel von Uwe Schloen, sondern vielmehr der Weg dorthin. Entsprechend verleitet auch die sog. "Minibar", eine silikonisierte Bushaltestelle nicht wirklich zu langer Rast. Sie ist vielmehr Sinnbild für den kurzen Moment des Innehaltens auf dieser Reise, die vorbei an der Installation "Silikon-Camping" zum "legendären Silikonzimmer", einer früheren Arbeit von 2004 führt. Während die im Außenraum vom KunstRaum Hüll platzierte Installation "Silikon-Camping" auf die temporäre Sesshaftigkeit am fremden Ort verweist, gekoppelt an den Versuch, die Blicke vom erhöhten Standpunkt aus oberhalb der Dinge scheifen zu lassen, gleicht "Das legendäre Silikonzimmer" trotz seiner vollständigen Einrichtung nicht "belehrbar". Alles scheint möglich und nichts geht wirklich an diesem seltsamen Ort, der dank seiner Mehrdeutigkeit die Betrachter in ihrer eigenen Befindlichkeit vehement aufschreckt. Tisch und Stuhl, Fernseher und WC, Kühlschrank, Wände und Decken schimmern unter einer alles verklärenden Schicht tausender Silikonnippel. Durchblick erhält nur derjenige, der erkennt, das alles Gezeigt, alles Gelebte und Erlebte, alles Gefühlte, Gesagte und Verschwiegene Bestandteil eines übergeordneten Ganzen ist, das wahrzunehmen und zu erkennen sich Uwe Schloen zur Aufgabe gesetzt hat. Seine Blicke dringen durch das Silikon auf Plastikflaschen, hölzerne Figuren, auf Tische und Stühle, auf Autos und Haltestellen und dergleichen mehr. Alles Gezeigte ist im Prinzip bekannt, wobei das Bekannte in seiner Ambivalenz an Mehrdeutigkeit gewinnt. Uwe Schloen reist durch das Land Transsiliconia, das nicht zufällig vom Namen an Transsylvanien erinnert. Für kurze Zeit hatten die Besucher des KunstRaum Hüll die Möglichkeit, sich an dieser skurrilen Reise zu beteiligen. Eine Reise, die auch zukünftig den Blick öffnet für jene gleichberechtigte "Parallelwelt" zur vordergründigen Erscheinung des Seins.

News


Schloen Infos

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5.August: Galerie Zollhaus Varel (Mit Kalle Proll) Varel
36. Internationaler Hansetag mit dem Programm "HanseArtWorks"
Bergen, Norwegen
Beteiligung am Jahresprogramm "Das Narrenschiff" Kunstverein Barsinghausen

Leipziger Buchmesse: Neuer Katalog im Kerber-Verlag

Leipzig

17:00 Uhr, Eröffnung im Kunstwerk und im Klinikum E. von Bergmann, Potsdam

26.02.16, 19:00 Uhr: Eröffnung
Aussstellung + workshop

 

Galerie N, Nienburg/Weser

zusammen mit Johann Jascha (A)

Kunstverein Graz in Regensburg

Gemeinschaftsausstellung

Dortmunder Kunstmuseum (U)

Gemeinschaftsaktion von 12o Künstlern, Gesamtprojekt + Raumkonzept: Axel Richter + Uwe Schloen

St. Jacobi, Jacobikirchhof 22, Hamburg
"Teilen" Gemeinschaftsausstellung, Jakobikirche , Hamburg