Große Gefühle

Da stehen sie also, diese seltsamen Figuren. Meist haben sie sich zu Gruppen vereint, selten nur zeigt sich eine (einer?) allein - was nicht verwundert. Denn ihre Erscheinung macht betroffen, irritiert, erschreckt sogar ein wenig und weckt mitunter Gefühle der Abwehr. Da macht es Sinn, als Horde aufzutreten. Wenn schon fremd, dann aber bitte auch en masse. "Die tun nichts", könnte es imaginär dazu heißen. "Die wollen nur spielen!"
Und in der Tat haftet dieser eigenwilligen Gesellschaft letztlich etwas Kindliches an, hervorgerufen durch das vertraute Prinzip der kindlichen Proportionen. Meist steckt der kleine Körper in zu großen Gummistiefeln und wird zudem durch einen überdimensionalen Kopf beherrscht, der mit großen Augen in die Welt zu blicken scheint.

 

Täusche ich mich oder haftet diesem Blick tatsächlich etwas Fragendes an? Schwingt da ein Hauch von Melancholie mit, wenn mich die Blicke der Figuren aus silikonisierten oder bleiummantelten Köpfen treffen?
Verwundern würde das nicht, denn von ihrem Standpunkt aus, erscheint die sie umgebende Welt fremd, bizarr und vor allem sehr einsam. Ein Wohnwagen, ein Gartenhaus, eine Bushaltestelle, ein steinerner Schuppen, ein Metallzaun, allesamt durch die Spuren der Zeit gekennzeichnet - das sind die Außenkulissen der Figuren.

 

GoelmerWie eine Gruppe von Touristen tauchen sie an den seltsamsten Plätzen auf, lassen sich fotografieren und ziehen weiter. Dabei scheint es egal zu sein, dass es Winter ist. Denn auch lösgelöst von der winterlichen Tristesse sind die meisten Innenräume nicht weniger karg.

 

Auch hier belegen die fotografischen Dokumente den Eindruck von Abgeschiedenheit und, von wenigen Ausnahmen abgesehen, Vereinsamung. Grundsätzlich mangelt es in den gezeigten Szenerien an Wärme und Geborgenheit, was den engen Zusammenhalt der Gruppe erklärt.

Ihr Auftreten als Horde resultiert folglich weniger aus dem Bedürfnis nach Macht und der Verbreitung von Schrecken. Es spiegelt vielmehr die eigene Bestürzung, das Erschrockensein über eine Welt, die auf den ersten Blick von Fremdheit durchdrungen ist.

 

Doch das ist es nicht allein. Der melancholische Eindruck von Uwe Schloens Figuren ist nicht nur als Reaktion auf das Umfeld zu deuten. Vielmehr tragen sie die Fremdheit bereits in sich, ablesbar nicht nur an ihren eigenwilligen Proportionen. Denn vom kindlichen Erscheinungsmuster abgesehen, sind Ummantelungen aus Blei oder der Überzug aus Silikon in ihrer Ambivalenz klare Zeichen für Schutz und zugleich auch Isolation. Blei und Silikon wehren äußere Einflüsse ab, hindern das Innere aber überdies vor seiner Entfaltung. "Vergletscherung" nennt Uwe Schloen diesen Zustand, der einerseits Spuren des Romantischen aufweist, überdies aber auch eine Gefangenheit in sich selbst umschreibt. Folge davon ist genau jene ambivalente Erscheinung, die seine Figuren so lieblich und unheimlich in einem wirken lässt. Da wundert es nicht, dass manche Figur auf dem Kopf steht, oder vereinzelt große Helme gegen die Macht der Eindrücke Abhilfe leisten sollen.

 

Andere Figuren umhüllen die Körper mit bunten Stoffen, worauf hin sich eine weitere Gruppe gleich unter schwarzen Henkersmasken zu verstecken scheint. Selbst der Versuch eines Kusses ist, wie das langgliedrige Duo beweist, nur unter größten Anstrengungen möglich. Eine sehr wackelige Angelegenheit, die jederzeit zu kippen droht. Genau dieser Zustand größter Leichtigkeit, gepaart mit der Sorge vor dem fatalen Verlust von Halt, verursacht Unsicherheit. Je stärker die Eindrücke, je gewaltiger die Gefühle - um so größer die Verwunderung.



Schloens Figuren spiegeln diese Verwunderung.
GoelmerSie reflektieren jene unzähligen Eindrücke von Welt, jene geballte Ladung aus Liebe, Angst, Freude, Schmerz, Hoffnung und Verzweiflung, die auf sie während ihrer Reise einströmt. Zu groß erscheint das Feuerwerk an Emotionen, zu klein zumindest wirken die Körper in ihrer jetzigen Gestalt.

Flucht erscheint sinnlos, die großen Stiefel machen schwerfällig. Auch Arme und Hände fehlen, um tatkräftig anzupacken. Da gilt es weiter zu beobachten, auf Reisen zu gehen und Studien zu betreiben. Welt verstehen, oder auch nicht, mal inder Gruppe oder allein. Und Neues auszuprobieren, selbst wenn manches auch eine Nummer zu große erscheint.

Ein Kuss hat dabei noch nie geschadet.

Christian Krausch
"Große Gefühle"
in UWE SCHLOEN - GÖLMER
erschienen im Huck-Finn-Verlag 2009

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Schloen Infos

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Präsentation des Juri Wedro Heftes

Edition Luciver

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mit Sebastian Wywiorski

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eine Ausstellung von Uwe Schloen und Petra Fiebig

in der kd.kunst Galerie, Wallhöfen

 

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Petra Fiebig + Uwe Schloen: Gemeinschaftsausstellung "Blei und Bleistift"

im Till-Richter-Museum Buddenhagen

 

Str. des Friedens 6

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Nadryw 2 oder Sind wir unserer Lächerlichkeit gewachsen?

 

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Kunst geht in Buxtehude baden

… mit schwimmender Kunst auf der Este. Der Buxtehuder Künstler Jürgen Rohde hatte die Idee, Kunst und Künstler aus der Region eine Plattform auf dem Wasser zu geben und eine so genannte „Kunstinsel“ zu schaffen.

Am 21.4.18 wird die Installation von Uwe Schloen eröffnet.

 

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