Scheiße, bin ich gut! | Zwölf

Uwe Schloen: Scheiße bin ich gut

Seit dem 1.1.2013 finden Sie hier Uwe Schloens Künstlerroman "Scheiße, bin ich gut" in täglicher Dosis.
Das Buch erschien am 31.12.2012 bei amazon als ebook.

Zwölf

Nichts von dem was man über mich sagt, ist wahr. Und auch ich will mich keinen Illusionen hingeben, was meine Person anbelangt.                      Scheiße, ich bin einfach gut.

Schon früh rüber zu Olga. Musste meine Hände an ihren Schenkeln wärmen, mein Kopf an ihren Brüsten. Dazu ein wenig Opium und einige Gläser Chianti und die Verzweiflung löste sich auf, wie der Geruch von Scheiße an einem warmen Frühlingstag

Kam die Tage durch meinen Geburtsort. Ich kann dort unmöglich meine Kindheit verbracht haben. In einem Nichts mit laublosen Bäumen davor.

Wenn man aus dem grauen norddeutschen Sumpf kommt, entwickelt man Sehnsüchte.

Übergroße, schießt über das Ziel hinaus. Das liegt in der Natur der Sache.

Mein Hirn platzt vor Sehnsucht. Aber kein Schwein interessiert das. Kein Ethnologe erkundet meine Frühstücksgewohnheiten. Kein Evolutionsbiologe ankert vor meiner Insel. Kein Anthropologe klopft an meine Tür. Dabei bin ich voller fremder Sitten und Gebräuche.

Letzt endlich gibt es nur zwei Probleme:

Wie man das Leben und wie man sich selbst ertragen kann. Schwierigere Aufgaben gibt es nicht. Und endgültige Antworten fehlen.

Habe im Moment keine Ziele, mein Herz ist wie leergefegt. Ich glaube nicht an die Politik, höchstens an Bewegungen, Hoffnung ist ein Mangel an Information, ich habe keinen Gott, nicht mal den schnöden Mammon, keine Angst vor Gespenstern, nicht mal Angst vor dem Tod, nur vor dem Schmerz. Kann man so Künstler sein?

Erst gearbeitet wie besessen, dann urplötzlich lustlos ins Bett gefallen.

Wieder kein Anruf der Nationalgalerie. Und auch die Foundation Oppenheim ist lange überfällig, nicht mal Falkenberg kriegt zwischen den Jahren den Arsch hoch.

Wo steckt eigentlich Tracy? Ist schon wieder Talk-Show?

Eine friedliche Welt in klarer Anordnung. Frau, Mann. Trinken. Später vögeln. So geht das.

Wenn mich das Ganze in seiner Vorhersehbarkeit nicht so abgrundtief langweilen würde, ich könnte jahrelang so weitermachen.

Wahrscheinlich sterbe ich als trockener Zwieback.

Vorher aber noch die große Retrospektive planen.

Heiligabend. Morgens bei Erika Anflüge von Melancholie verscheucht. Abends im Club den Moralischen von Olga mit Krimsekt, Wodka, Balalaikamusik und Salzgurken bekämpft.
Bekam ein Glas Kaviar geschenkt.

Das Leben ahmt die Kunst weit mehr nach, als die Kunst das Leben.

Die Kunst löst nur phasenweise meine Geldsorgen, treibt mich dafür aber immer mehr in den Alkohol. Überlege, ob ich mich nicht kulturinteressierten Witwen anbieten soll: Rent an artist – Escort service. Außer Kunst kostet alles extra. Kunst ist eh nicht das Problem, schon eher die Lösung: Ich komme mit der mich umgebenden Welt klar, es bringt hier und da Ruhm und Ehre und ich kann mich als Person definieren. Erfinden und in die Tasche Lügen gehören zum Handwerkszeug. Klauen ebenso.

Die Kälte zieht sich aus den Gelenken zurück und zieht weiter gen Osten. Zurück bleibt mein Freund, der Alltag. Wenn auch in seiner speziellen weihnachtlichen Form. Glühwein und Lebkuchen.

Meese war mal wieder im Atelier. Vor Freude, dass er nicht lange bleiben konnte, lud ich ihn zu einem Grog ein. Mit fatalen Folgen. Später kamen auch noch Olga und ihre Freundinnen dazu.

Sitz ich in der Sackgasse, oder bin ich eine Sackratte?

 

Beklagt sich etwa das Weinglas, dass ich es heute Abend schon zum wiederholten Male abfülle? Eben nicht.

Die Dinge tun einfach ihre Pflicht,
nur ich kann heute leider nicht.

Sibirische Nächte, minus 20 Grad, die Pinsel frieren im Wasserglas ein. Und ich fast unter der Bettdecke. Silikon eingefroren, kann ich wegschmeißen.

Was will ich mit den neuen Bildern? Wohin geht die Reise? Anspruch und Wirklichkeit, schablonenhafte Figuren. Das Vorgegebene durch Werbung etc. was einem das leben verhagelt, sichtbar machen. Unsicher, ob das rüberkommt.

Anfrage aus Estland. Klar mach ich, aber Italien wär mir lieber.

Grog und pastellfarbige Bilder, lange Unterhose und drei Pullover übereinander.

Später mehr Grog bei Erika.

Man besteht doch nicht nur aus Feiertagen, ein Teil ist doch auch immer Montag, und man muss auch den Donnerstag in einem akzeptieren. Ja sagen zum Negativen.

Das Leben ist doch gerade nicht der gradlinige Weg zum Besseren hin und so weiter, sondern.

Selbst bei Hegel gibt es ja zwischen den verschiedenen Etappen, den einzelnen Kneipen, in denen das Bewusstsein auf dem Weg zum Absoluten so dahintrottelt, einkehrt, die totale Verzweiflung. Da muss man durch.

Hab die Schnauze voll, muss zuviel erledigen. Banalitäten des Alltags. Immerhin zwei Stunden gemalt. Ein kleiner Sieg über die Notwendigkeiten. So kann man sich alles schön reden. Und dann hatte auch noch Dana ihren freien Tag.

Ich bin schon als Nischenprodukt geboren. Mittlerweile weiß ich aber nicht mehr, für welche.

Und trotzdem sind das Problem die Anderen. Oder liege ich da auch falsch. Zumindest bei Meese und den anderen Jungs nicht.

Abends geraucht, an den Fingernägeln gekaut und später geheult.

Heute nicht gesucht, aber zwei von den Frauen gesehen, von denen ich mal dachte, ich könne ohne sie nicht leben. Meine Güte! Wenigstens sind mir nicht auch noch die anderen fünf begegnet.

Trauriges Eingeständnis: Ich habe nie gedacht, ohne die oder die könne ich nicht leben.

Und es waren eher 13.

Beim Ausstellungsabbau zwei Nylonschnüre eingesteckt. Was eine Rüge der Kunstvereinsleiterin nach sich zog: “Das ist nicht in Ordnung!“

Es war in Ordnung, denn es waren meine. Was fürne Scheiße. Und andere Leute machen Karriere. Demnächst kauf ich den Laden.

Ich war auf der Suche, auf der Suche nach irgendetwas. Nach Dana, Lola, nach Sinn und Verstand. Es war nicht da!

Mich stimmt es morgens immer ganz nachdenklich, wenn ich im Laufe der Nacht mit einem Igel gesprochen habe. Ein Gespräch mit einem Igel ist reine Formsache, getragen von dem Wunsch um gegenseitige Anerkennung. Und trotzdem bleibt das Gefühl, er weiß etwas von dem ich keine Ahnung habe. Da hilft auch kein Wässerchen.

Immerhin konnte ich dem Igel den Namen der Kellnerin entlocken: Dana.

Ein immenser Informationsvorsprung.

Wunderbares Vergehen der Zeit. Sie plätschert dahin und ich mit. Es gibt keinen Grund den Club zu verlassen. Es könnte bis ans Ende meiner Tage so weitergehen, aber ich ahne, es wird schon demnächst anders, das Rattenrennen fordert seinen Tribut. Der schnöde Mammon hat einen an der Gurgel und man zappelt und zappelt.

Das billige Nylonhöschen der Kellnerin sprach mich mehr an als die aufwendigen Netzstrümpfe, Mieder und paillettenbesetzten Tangas von Olga. Aber da kam auch schon Meese dazu. Alles Plätschern und jede Romantik war dahin, es blieb nur noch der Übergang in den Rausch und hin und wieder ein Blick auf das Nylonhöschen.

Alles andere nahm ich billigend in Kauf.

Geduscht, bis ich rote Flecken bekam, Quaddeln im Gesicht. Danach Selbstportrait vorm Spiegel. Eigentlich kenne ich mich ganz gut, aber manchmal überrasche ich mich immer noch.

Ich weiß z.B., dass ich neidisch bin, aber wie neidisch, unglaublich.

Neid als Antrieb. Purer Materialismus. Die Frau als Erlösung von allen Übeln. Oder wo Wege enden können. Selbstfindung? Mich findet ihr bei Erika.

Mich im Museum herumgetrieben. Ausstellungsplan: die ständige Sammlung von Exponaten der Stadtgeschichte mit meinen Arbeiten zu kommentieren, spannend.

Abends das Gefühl, mein ganzes Leben lang gestanden und darauf gewartet zu haben, in einen wärmeren Raum eingelassen zu werden.

Verschwende über Frauen keine Gedanken mehr. Sie sind.

Mich im Museum herumgetrieben. Ausstellungsplan: die ständige Sammlung von Exponaten der Stadtgeschichte mit meinen Arbeiten zu kommentieren, spannend.

Abends das Gefühl, mein ganzes Leben lang gestanden und darauf gewartet zu haben, in einen wärmeren Raum eingelassen zu werden.

Verschwende über Frauen keine Gedanken mehr. Sie sind.

Unvorhergesehene Zwischenfälle sind nicht die Ausnahme, sie sind die Regel. So wie meine Wutausbrüche. Meine latente Aggressivität erstaunt mich immer wieder. Ich sollte es besser wissen.

Tatsächlich müsste man endlich dieser Legende vom inspirierten Künstler, der außerhalb der Welt lebt, ein Ende bereiten. Er muss klar sein und dies muss in dem Werk rüberkommen, ein Werk, dass ihn fordert. Er muss gleichzeitig die Logik seiner Formsprache und der künstlerischen Technik berücksichtigen. Und dann noch diesen ganzen Bürokram.

Will wieder an den Busen der Natur. Aber der Club hatte noch geschlossen.

Außerhalb meiner Arbeit bin ich mir keiner Sache sicher. Glatte Lüge. In meiner Arbeit bin ich mir auch nicht sicher. Ich mache einfach etwas.

Was ich allerdings ungern tue, ist überflüssige Fragen zu beantworten. Wie ständig diese aus Frankreich. Ist Silikon für dich das Gleiche wie Wachs? Unglaublich: Silikon ist kalt und gibt es erst seit 1959, Wachs ist warm und uralt. What shell we do with the drunken curator?

Olga war frei, sonst wär ich durchgedreht.

Es ist nicht meine Sache, Ordnung in das alles zu bringen. Meine eigene Welt ist verworren und wechselvoll, schwankend geradezu. Ich bin kein Muster im klaren Denken.

Gern widerspreche ich mir. Ansonsten bleiben Exzesse, Über-die-Stränge-schlagen, Wahn und Rausch und Olga. Aber die war heute Abend besetzt.

Wie sind eigentlich diese mit Kohlensäure versetzten Brandblasen, die sich Künstlerkollegen nennen, wie sind die hier reingekommen? Zu Erika geflohen, depressiv am Fenster gesessen. Und während mir die Nase lief, bauten sie draußen schon wieder ein Hochhaus.

Was wäre ich ohne Bukowski? Wahrscheinlich so was ähnliches wie Thomas Mann.

Die Konkurrenz schläft nicht und hängt sowieso viel zu selten in den Bäumen. Die 23000 Berliner Künstler sind hellwach. Zumindest jetzt, gegen Mittag. Mich hingegen überkommt immer gen zehn nach zwei eine drückende Müdigkeit. Eigenartig, zehn nach zwei entscheidet sich der weitere Verlauf des Tages. Das verwirrt mich zusätzlich, mit dieser Verantwortung bin ich überfordert.

Abends traurig, weil ich Sardellen gegessen hatte.

Wie lässt sich angesichts der Übel in der Welt das luxurierende Unternehmen der Kunst rechtfertigen? Ist nicht schon ihre bloße Existenz ein Ausdruck der Ungerechtigkeit?

Herrlich nebeliger Tag, nach den 200 gr Wodka noch herrlicher, Durch die Felder gestreift, vorbei an skelettartiger Bäumen. Kurz vor Negenmark hing einer im Baum, ein schöner Anblick. Bläulich hing die Zunge aus dem Mund, die Augen glubschten aus dem Schädel.

Dahinter verrostete Landmaschinen, alte Reifen.

In meinem Organismus geschehen in letzter Zeit merkwürdige Dinge. Ein Knacken, wo sonst kein Knacken war. Ein Schwindel, wo sonst der Kater haust. Ein Wackeln wo sonst ein Waschbrett war. Ein Schwanken wo sonst Klarheit war. Nichts Besorgniserregendes, aber auffällig.

 

Am Anfang war das Wort,
Und das Wort war bei Gott.
Und das Wort war Wodka,
und ich hätte es Gott nicht zugetraut.

Ich brauche Modelle, mit langen Beinen, mit kurzen Beinen, mit aufgespritzten Lippen, mit eingefallenen Gesichtern. Solange die nicht kommen, gucke ich in den Nudelsalat und kann das Leben wieder mal nicht fassen. Dann kurze Schaffensphase, alles muss raus. Wie bei Rudis Resterampe, alles 80% billiger. Resterampe ist Lumpenproletariat, äußerst prekär. Sollte es eher wie Prada machen, riesige Schaufenster und ein sündhaft teures Kleid darin. Noblesse oblige. Lange nicht mehr die Jungs getroffen. Meese neulich in einem Lifestyle-Magazin über die neue Bürgerlichkeit gesehen. So geht das. Ich ziehe es vor, es lieber nicht zu tun.

Man darf sich vor den kleinen Unmöglichkeiten nicht hinwerfen, man bekommt dann die großen nicht zu sehen. Man muss die kleinen Fehler machen, damit man geübt ist, wenn man die großen macht… oder so ähnlich.

Mein Leben lang ohne Verletzungen davonkommen, hätte passieren können, ist es aber nicht.

Wo ich bin ist keine Klarheit, sondern Wodka, Wein und Fernet.

Wie gleichmäßig und regelmäßig es mit mir bergab geht. Faszinierend zu beobachten.

Aus einem Interview für die Ausstellung in Paris :

Wann haben sie sich entschlossen nach Norddeutschland zu gehen?
Ich war immer schon hier. Ab und an mal weg.
Welche Hoffnung siehst du in deiner Arbeit?
Hoffnung ist Mangel an Information.
Warum bist du wie du bist?
Weil ich immer schon anders sein wollte als der Rest.
Wie hast du Erfolg zu sein wie du bist?
Zu dem was man mitbringt, Gene, kommt noch erschwerend die Erziehung, Sozialisation dazu. Und irgendwann im Leben kommt man an den Punkt, an dem man sich selbst erfindet. Den Weg einschlägt, den man für richtig hält. Diesem Weg gehe ich nach, hüpfe mal nach rechts mal nach linkes runter, lande in Sackgassen. Mal ist es ein Boulevard, mal ein schlammiger Feldweg.
Was ist deine Originalität?
Ich habe ein große Freiheit in mir und eine Toleranz mir und meinem Schaffen gegenüber.

Diese Franzosen! Wo ist der Cognac?

News


Schloen Infos

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Petra Fiebig + Uwe Schloen: Gemeinschaftsausstellung "Blei und Bleistift" im Till-Richter-Museum Buddenhagen
Installation in der Jakobikirche Hamburg

4.9. -8.9. 2017

workshop in Zusammenarbeit mit Carola Gottschalk

Kunstverein Göttingen
Workshop zum Thema "Fremd" an der Montessori-Schule / Hort der Montessori-Vereinigung Nürnberger Land e.V. in Lauf bei Nürnberg.
Link: http://hort.monte-blog.de/blog/
6.8. bis 15.9. 2017
Galerie am Stall, Hude
Neue Bleiarbeiten Galerie am Stall, Am Ebenesch 4, 27798 Hude
20.6. -4.7.2017
Workshop mit estnischen Künstlern
im Kunsthaus am Schüberg, Ammersbek bei HH

Weitere Informationen dazu unter diesem Link:

Kunsthaus am Schüberg Kunsthaus am Schüberg, Ammersbek bei HH
18.5. bis "Ende offen"

Strassen, Luxembourg (Skulpturen) Luxembourg
19.4. - 7.5. 2017

Noorus Gallery, Tartu, Estland (Juri Wedro) Tartu, Estland

Ausstellung mit S.Wywiorski in Krakau (Pl)

Krakau, Polen

Endveranstaltung "Dixi-Vitrine"

Dixi Show in der Galerie KDKunst, Wallhöfen und Pavel Schmidt(CH) in der Dixi-Vitrine

Galerie KDKunst, Wallhöfen