Scheiße, bin ich gut! | September

Uwe Schloen: Scheiße bin ich gut

Seit dem 1.1.2013 finden Sie hier Uwe Schloens Künstlerroman "Scheiße, bin ich gut" in täglicher Dosis.
Das Buch erschien am 31.12.2012 bei amazon als ebook.

September

Eine gute Leber ist wichtig für einen Künstler, ebenso eine gewisse Fatalität den Absagen, Misserfolgen und dem Scheitern gegenüber.

Neue Wege gehen, wobei nur die eigene Jury zählt, keine andere.

Mir geht es so gut, dass ich mir luxuriöse Selbstmordmotive wie philosophischen Weltschmerz und allgemeinen Überdruss leisten kann.

Es wird kalt, dazu die jährliche Bayern-Krise,

Winselnd zu Anna rübergekrochen. Vorher bei Erika Mut angesoffen.

Immer wieder der Vorwurf: Du arbeitest zu schnell, haust die Sachen nur so raus.
Meese soll mal schön den Mund halten und Anna kennt mich noch nicht lange genug.
Andererseits unterstützt mein Reden vom „Zeugs, Kram und Rumgetüddel“ diese Vorurteile.

Nach außen hin bin ich scheint's zu schnell zufrieden, sollte meine Kämpfe, Krämpfe und Bedenken mehr zur Schau stellen. Mehr den Künstler mit weißem Seidenschal rauskehren.
Seidenschal im Hirn.

Wer mein Tun verfolgt, sieht, da meint es einer ernst und macht es sich nicht leicht. Jahrelang verfolge ich mein Thema: das Schablonenhafte des Menschen, die genormten Vorgaben wie etwas, bzw. man zu sein hat, Gleichförmigkeit, das Fehlen wahrer Individualität. Und wie damit umgehen, wie sich Räume schaffen in diesem Einheitsbrei. Und sei es nur durch Dumm-Rumstehen oder Nicht-Teilnahme, Verweigerung. Räume gegen Distanz, Vergletscherung und Vorspiegelung falscher Tatsachen.

Im Endeffekt ist auch dies nicht wichtig, aber ich nehme es wichtig, zumindest solange, bis mir was Besseres einfällt.

Anna sanft aus dem Atelier gedrängt. Noch nie hatte ich so ein Gefühl der Bedrohung, der Herausforderung, gepaart mit mir unverständlichen Liebesbeteuerungen und einem als Beißen getarntem Streicheln. Aber ich muss arbeiten, auch wenn Arbeiten Kosten verursacht, ich also Material kaufen muss. So geht das, mehr verkaufen, weniger auf Halde produzieren.

Probleme damit alte Skulpturen zu überarbeiten. Fällt mir nichts Neues ein?

Hingegen anderslautender Meinungen hat es eben doch noch nicht alles gegeben und die Kunst hat sich in den vergangenen 20 Jahren unglaublich verändert. Selbst was ich vor 10 Jahren gemacht habe, sieht heute alt aus.

Andererseits, auf der Höhe der Zeit zu sein, ist das Merkmal von Leuten, die nicht gerade den tiefen Teller erfunden haben, derjenigen die nichts Eigenständiges verfolgen, die zu einer Obsession nicht fähig sind. Lieber auf dem Holzweg in die Sackgasse als mit Holzköpfen auf dem Boulevard.

Was will die ganze Bande immer bei mir im Atelier. Jetzt kommt auch noch der unsägliche Lüppertz dazu. Alle rausgeschmissen und mir mit Anna einen schönen Tag gemacht.

Ab heute gibt es auf alle Arbeiten 25% Rabatt. Wenn das nicht den Laden ankurbelt!

Ich fliehe aus den Zwängen der Realität, die ewige Wiederholung macht mich kirre.

Ich suche die Freiheit und die Zukunft, oder besser, die Möglichkeit einer noch offenen Zukunft, einer noch offenen Entscheidung, und somit die Kindheit, wo das Leben noch vor mir liegt.

Die Welt, sagt Borges, ist wirklich, aber warum muss sie einem dermaßen auf den Sack gehen?

Verkatert in der Matratzengruft.

Galerie zahlt und zahlt nicht, unfassbar. Schlägertrupp vorbei schicken.

Tagsüber Yo la Tengo gehört, abends Alex Harvey. Und dann doch noch zu Olga in den Club.
Die doofe Sau hab ich ihr verziehen. Sie war sich sicher, dass ich schon mal eine Silikonbrust… ein Elend.

Wie komme ich in die Kunsthalle? Wohl nur indem ich Eintritt zahle.

Und auch den muss ich erstmal verdienen.

Abends mit Neo, Meese und Tracy eine Runde durch die Gemeinde.

Irgendwann wunderbare Verse gesprochen. Die anderen behaupteten zwar es seien Zoten gewesen, ich bin aber sicher dass es von Heine und Hölderlin war.

Der Kanarienvogel tut es dem Hund gleich: Er legt sich in die Pfanne und wird verrückt.

Meese hat ihn mitgenommen, kann ihn für seine neue Installation benutzen.

Zusammen mit 50 japanischen Tanzmäusen.

Manchmal hab ich den Zirkus wirklich satt, vor allem wegen dem Rattenrennen.

Montagsproduktion. Der ganze Tag eine einzige Sollbruchstelle.

Schwanke zwischen „Ich armes Schwein“ und „Mensch, was bin ich für ne coole Sau“.

Mal die Ferkel fragen, was die dazu sagen.

Olga meinte, ich sei eine doofe Sau. Tracy behauptete, im besten Falle sei ich ein armes Schwein, da sie noch Geld bekommt. Oder verlogen.

Anna nichts davon erzählt.

Ich bin Silikon.

Trotzdem das Gefühl, durch die merkwürdige Anna lockere sich die Lola-Blockade im Hirn.

Neuen Kühlschrank gekauft. Erstmal mit Weißwein gefüllt.

Tagsüber silikonisiert. Habe noch nie eine Silikonbrust angefasst. Oder es nicht gemerkt.

Kein Schwein meldet sich, habe ein Gefühl ewiger Stagnation. Dafür wachsen die Fuß und Fingernägel heute um 17 % schneller als noch vor 70 Jahren. Irgendwas geht halt immer.

Anna kam rüber. Sie ist ja ganz nett, manchmal hab ich gar das Gefühl, ich mag sie.
Aber ihre Fragen! Warum malst du? Genauso gut hätte man einen Bauern fragen können, was er in der Erde sucht, oder den Wodka, was er in der Flasche verloren hat. Ermüdend.

Habe versucht ihr zu erklären, dass es wahre Liebe nur zwischen Laternenpfählen gibt.

Erst der Eierlikör beruhigte sie wieder. Mich regte er eher auf. Valium.

Was ist das nur für eine kranke Zeit, in der Brüste in einem Wonderbra auf der Lauer liegen und keiner langt freiwillig hin. Meine Witze sind selbstverständlich abgeschmackt, niveaulos, verworren, voll von tiefsten Selbstmisstrauen. Das kommt daher, dass ich mich selbst nicht achte. Aber kann denn ein bewusster Mensch sich überhaupt noch irgendwie achten?

Die Stadt verharrt in Dummheit, die Bevölkerung hat sich in ihren Vorurteilen verheddert, die Alten rollen durch die Fußgängerzone, die Beamten spielen Karten und trinken Korn, die Frauen erzählen sich Klatschgeschichten, die Jugend lebt ohne Ideale, die jungen Mädchen träumen den lieben langen Tag von der Ehe und essen Chips, die Männer schlagen ihre Frauen und auf der Straße laufen die Schweine spazieren.

Habe akute Geldprobleme und dann kommt auch noch Pech dazu.

Nach langer Zeit mal wieder bei Erika. Trinke Korn. Nachts in den Schlaf geheult.

Ausstellung mit Druckgrafiken angesehen. Warum ist das immer so pathetisch und vor allem altbacken? Die Leute trauen sich nichts, haben Angst.

Man muss den Wahnsinn hinter einer Arbeit spüren, sonst taugt sie nichts. Ebenso bei Menschen. Bei Anna spüre ich jede Menge Wahnsinn.

Abends lange an einem Laternenpfahl gelehnt. Ich sah ihn mir intensiv an. Du verstehst mich, alter Junge, wahre Liebe gibt es nur unter Männern. Der Laternenpfahl antwortete:
Ich muss dich enttäuschen. Die wirkliche Liebe existiert nur unter Laternenpfählen.

Bericht über Cattelan in der SZ gelesen und dass seine Arbeiten mittlerweile für Millionen verkauft werden. Die Strategie aus wenig produzieren und Trademark.

Habe mit dem Kunstmarkt soviel zu tun wie eine Ape mit einem Ferrari.
Aber fahren tut die Ape auch, und die Unfälle können auch tödlich sein.

Und erst die sonntäglichen Ausflüge mit Picknickkorb, Wein und Freundin. Herrlich!

Bayern gewinnt in Dortmund 5:1.

Anna ist wieder gesund, wenn man das so sagen kann.

Meese hat seine Mutter im Heim besucht. Alles wird gut.

Komme morgens in ihre Küche, treffe sie schon beim Zeitung lesen. Während sie zwei, drei Zeitungen überfliegt, fällt sie plötzlich vom Stuhl und stöhnt. Bringe sie ins Bett, koche Kamillentee und bin froh, dass ich verschwinden kann.

Für den alltäglichen menschlichen Bedarf wäre ein gewöhnliches menschliches Bewusstsein mehr als genug, also etwa die Hälfte, ein Viertel jener Portion, die dem entwickelten Menschen unseres unglücklichen Jahrhunderts zu kommt.

In der Fußgängerzone gallige Gesichter in ekelerregenden Blusen und Hosen. Die gequälte Kreatur, die man am liebsten weiterquälen würde. Oder wegschließen, nicht mehr sehen.
Wie Fettaugen auf einer stinkigen Suppe.

Erst im „Glückauf“ einen Wodka, dann in der „Freundschaft“. Bei Karstadt im Bistro eine Flasche Wein. Gen Abend bei Erika gelandet. Die neue Nachbarin war auch da. Anna, und gar nicht mehr so merkwürdig. Herbe Schönheit oder lag es am Eierlikör?

Irgendwie landeten wir auf ihrem Ledersofa. Too drunk to fuck, aber festgestellt, dass sie keine Jungfrau mehr ist. Hätte mich auch gewundert. Was die Leute immer reden.

Meese sorgt für Skandal. Hat seine Mutter schwarz angemalt und danach in ein Heim gesteckt.

Späte Befreiung. Trinken auf seine Heldentat. Später kommt auch noch Tracy dazu.

Erzählt, wie sie mal besoffen in einer Talk-Show rumgepöbelt hat. Ein herrlicher Abend.

Selten so gelacht.

Mit dem Thema “falsche Skulptur“ auseinandergesetzt. Was ist eine falsche Skulptur heutzutage? Da es keine verbindlichen Regeln mehr gibt, kann dies nur jeder für sich entscheiden. Entschieden alles anders zu machen.

Ein Bleihaus angesteckt und abgefackelt. Blei gießen im großen Stil.

Die neue Nachbarin kam vorbei, wollte wissen was das Feuer zu bedeuten hat.

Was hat das schon zu bedeuten? Meistens ist dort Feuer, wo etwas brennt.

Merkwürdige Frau, im linken Auge das Weiße kaum sichtbar, sie spricht mit leichtem Pfeifton. Behauptet Witwe zu sein, aber es geht das Gerücht, sie sei noch Jungfrau, da ihr Mann in der Hochzeitsnacht erkrankt sei am Zittern aller Glieder und verstarb.

Herrliche Sinnlosigkeiten, pseudophilosophisch, poetisch, schräg, paradox und gaga.
So sollte meine Arbeit sein, nicht vollkommen, gut komponiert, geformt und ausgefüllt, tot.
So tot, dass man mit ihrer Vollkommenheit nichts anfangen kann.

Man will ja kein Trottel und Hohlkopf sein. Und doch wurde mir heute klar, dass dieses Ebenbild richtig ist, gerade weil ich mich dagegen auflehne.

Abends lange auf Olgas ausdrucksvolle Öffnung gestarrt.

Wenn ich Olga so ansehe, kann ich mich nicht enthalten, einen Vergleich zwischen der horizontalen Öffnung ihres Mundes und der vertikalen ihres Leibes zu ziehen und zu bemerken, um wie viel die zweite ausdrucksvoller ist als die erste – und zwar in jenen psychologischen Zügen, durch die sich der Charakter eines Menschen offenbart.

Ich werde Olga einen neuen Heiratsantrag machen.

Ich glaube, ich habe Lust beschimpft zu werden.

Ganzen Tag daran gedacht, dass ich unzurechnungsfähig bin, außer Rand und Band.

Enthalte mich deshalb der Vollbringung großer Taten, um allzu schwere Fehler zu vermeiden.

Einen Tag wird dies ja wohl mal gehen.

Ständig küsst mich die Muse. Nur wenn ich sie ausziehen will, sträubt sie sich.

Alte Zicke. Muss mich von ihr fernhalten. Lieber zu Olga, da weiß ich was ich habe.

Heute Schlägerei an der Theke. Wie nicht anders zu erwarten, gings um eine Frau.

Zuviel Absinth. Fürchterliches Zeug, wollte mir auch ein Ohr abschneiden und es Olga schenken. Konnte gerade noch gestoppt werden.

Als ich 35 war, sagte mir ein nicht unbekannter Kulturmitläufer:
Sie verkaufen ihre Sachen nicht für 50000? Dann haben sie es nicht geschafft!

Jetzt bin ich wesentlich älter und bin von den 50000 genauso weit entfernt, wie davon eine Kreuzfahrt zu machen. Flächendeckendes Scheitern, außer dass ich bisher ein schönes Leben hatte.

In der Kunstgeschichte oder auf dem Kunstmarkt finde ich nicht statt. Nicht existent.

Aus Trotz und weil ich keine andere Möglichkeit sehe, mache ich weiter.

Mit Spoerri telefoniert, der wollte sich totlachen über meinen Sermon.

So geht das, sagte er immer wieder lachend.

Heute erstaunlich ruhig. Kann aber auch am Valium liegen.

Der größte Künstler des vorherigen Jahrhunderts war nach landläufiger Meinung Picasso.
Ich war der drittgrößte! Das hab ich mündlich.

Kann man aber heute noch Installationen machen? Da alles sinnlos ist, kann man auch Installationen machen. Wobei die Sinnlosigkeit der einzige Grund ist Installationen zu machen. Alles andere ist ein Durchbrennen des Ichs bei Überhitzung, die auf ein Zuviel des Gleichen zurückgeht. Aber eben das Gleiche als das Gleiche und nicht dasselbe.

Das durchgebrannte Ich mit Mengen von Bier gelöscht.

Um mich zu überzeugen, dass ich ich bin, dass ich derselbe bin, der dies denkt und handelt, dass also mein Leben nicht Schall und Rauch und schon gar kein Traum ist, dass heißt das mein Leben nicht das Leben von Meese ist, von Tracy oder irgendeines Schlachters am Ende des Paralleluniversums. Und es somit auf der Welt anders ausgesehen hätte, hat oder sollte, oder so, oder was – was weiß ich, wo ich mich gerade befinde, in welchem Teil dessen, was man eine Überlegung nennen könnte, welcher Punkt mich reizt, welcher Punkt des entsetzlichen Rätsels, welches sinnlos ist, mich piesackt.

Wo alles sinnlos ist, besteht die Möglichkeit, dass ich weiterlebe. Übrigens der einzige Grund für diese Möglichkeit. Man muss selber dabei gewesen sein, um es nicht zu verstehen.

Beschlossen im Atelier zu bleiben, mich nicht vom Fleck zu rühren, einfach ausharren.

Weil das mein Platz ist und nichts anderes. Ölfarben nicht essen, es gibt doch wunderbare Imbisse.

Betrunken am See geschlafen. Nahe Wohngebiet für „prächtig Verdienende“.

Wie können Menschen so hausen? Meist Leute zwischen 30 und 40. (Ich konnte durch die großen Fenster vieles beobachten), Einrichtung wie aus dem Katalog, steril. Abends nach dem Joggen ein Gläschen Rotwein, nur keine Exzesse, kein Wahnsinn, keine Brüche in der Lebensgestaltung, Audi im Carport und St.-Pauli-T-Shirt (Retter) an. Morgens kommen sie mit modernsten Fahrrädern und Helm aus ihrem Apartment um in einem Job ein angemessenes Gehalt zu verdienen, um sich eben diesen Schwachsinn zu leisten. Widerlich!

Erstmal bei Erika einen Eierlikör.

Einfach weiter machen, ruhig atmen. Weniger Opium, mehr Weizenbier. Nicht ablenken lassen von der Masse.

News


Schloen Infos

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Petra Fiebig + Uwe Schloen: Gemeinschaftsausstellung "Blei und Bleistift" im Till-Richter-Museum Buddenhagen
Installation in der Jakobikirche Hamburg

4.9. -8.9. 2017

workshop in Zusammenarbeit mit Carola Gottschalk

Kunstverein Göttingen
Workshop zum Thema "Fremd" an der Montessori-Schule / Hort der Montessori-Vereinigung Nürnberger Land e.V. in Lauf bei Nürnberg.
Link: http://hort.monte-blog.de/blog/
6.8. bis 15.9. 2017
Galerie am Stall, Hude
Neue Bleiarbeiten Galerie am Stall, Am Ebenesch 4, 27798 Hude
20.6. -4.7.2017
Workshop mit estnischen Künstlern
im Kunsthaus am Schüberg, Ammersbek bei HH

Weitere Informationen dazu unter diesem Link:

Kunsthaus am Schüberg Kunsthaus am Schüberg, Ammersbek bei HH
18.5. bis "Ende offen"

Strassen, Luxembourg (Skulpturen) Luxembourg
19.4. - 7.5. 2017

Noorus Gallery, Tartu, Estland (Juri Wedro) Tartu, Estland

Ausstellung mit S.Wywiorski in Krakau (Pl)

Krakau, Polen

Endveranstaltung "Dixi-Vitrine"

Dixi Show in der Galerie KDKunst, Wallhöfen und Pavel Schmidt(CH) in der Dixi-Vitrine

Galerie KDKunst, Wallhöfen