Scheiße, bin ich gut! | Oktober

Uwe Schloen: Scheiße bin ich gut

Seit dem 1.1.2013 finden Sie hier Uwe Schloens Künstlerroman "Scheiße, bin ich gut" in täglicher Dosis.
Das Buch erschien am 31.12.2012 bei amazon als ebook.

Oktober

Silikon, Silikon. Die Drei-Raum-Wohnung wird immer größer, rauschhafter. Muss bald das Dach aufbrechen. Mein persönlicher Merzbau.

Ansonsten schlechte Laune, weil ich nicht in Rom bin, in Prag oder Bukarest, weil ich keine Ausstellung in der Tate Gallery habe, oder im Stedelijk, nicht mal in einer verschissenen Galerie in Berlin. Also weiter bewerben, kümmern oder putzen bei Lidl, auf 325,- Euro Basis.

Aber Lidl und Opium? Geht das zusammen?

Und die Frauen, und was werden erst die Jungs sagen.

Mehrere Notschlachtungen durchgeführt, Blut gerührt um damit die Unerträglichkeit des Daseins, unter besonderer Berücksichtigung des Huhn-Ei-Dilemmas, auf die Leinwand zu bannen. Mit mäßigem Erfolg.

Abends versucht die Tattoos von Olgas Po zu kratzen. Ebenfalls mäßiger Erfolg.

Die Besuche werden mir ein wenig zu viel. Ich ziehe eine stillere Verzweiflung vor.

Künstler, diese egozentrischen Arschlöcher, die in Einzelfällen sogar liebenswert sind, sie reden und schwadronieren über das Leben, über Menschlichkeit und es müsste was geschehen, aber wenn sie es beweisen sollen, kann man genauso gut einen Goldfisch bitten, einem den Reifen zu wechseln, weil man selber den Arm in Gips hat, oder so.

Künstler sind eben auch nur Menschen. Und nicht wie Beuys sagte, jeder Mensch ist ein Künstler.

Während Tracy mein Gesicht betrachtete, oder war es Lola, Olga, Anna, welches sich grau wie der Tod überzogen hatte, wurde sie von einem großen Lärmsturm beiseite gefegt, der mit seiner langen triumphierenden Heftigkeit sogar das Haus erschütterte und in einer schwindelnden, perlenden Tonleiter immer höher stieg, bis er sich schließlich auflöste und mit dem Atmen des Waldes und dem rollenden Tosen des Meeres verschmolz.

Sie liebkoste mein rotes Resthaar, hob das Küchenmesser … ich wachte gerade noch rechtzeitig auf. Dieser Frau – welcher? - ist alles zuzutrauen. Ich schrie sie an und rannte weg.

Ich bin zwar aktiv, aber negativ aktiv, ich ziehe mich aus der Nichtigkeit der äußeren, umgebenden Phänomene zurück und werde in das Innerste des Strudels gezogen. Heilandzack!

Andere Künstler streben nach Allwissenheit und Allmacht. Ich arbeite mit Unwissenheit und Ohnmacht. Die Welt endet nicht mit einem Knall, sie verrostet.

Bin nicht extrem genug. Zu normal im Denken, Handeln. So wird das nichts. Muss mich befreien, die Schere aus dem Kopf verdammen. Auch von diesen ganzen halbgaren Künstlern befreien. Weg, abhauen, weg.

Lieber unzurechnungsfähig, völlig gaga, außer Rand und Band.

Hab den Faden verloren. Mehr arbeiten, weniger Alkohol.

Wo sind meine Pillen?

Bin nicht extrem genug. Zu normal im Denken, Handeln. So wird das nichts. Muss mich befreien, die Schere aus dem Kopf verdammen. Auch von diesen ganzen halbgaren Künstlern befreien. Weg, abhauen, weg.

Lieber unzurechnungsfähig, völlig gaga, außer Rand und Band.

Hab den Faden verloren. Mehr arbeiten, weniger Alkohol.

Wo sind meine Pillen?

„Ich gewöhnte mir beizeiten ab, nach der Traumfrau zu suchen. Ich wollte nur eine, die kein Albtraum war.“ (Bukowski)

Mit Anna auf lebenslange Freundschaft geeinigt. Beziehung ist nicht so meine Welt, du.

Gelöst gearbeitet, später erst zu Erika, dann in den Club. Nach der dritten Flasche Rotwein, an alte Bekannte gedacht. Die Liebe ist wie die Wurst: Es gibt Schweinefiletwurst, und es gibt Bierwurst von Aldi. Mich selber bei Pommerscher Leberwurst eingeordnet. Die grobe.

Fürchterlichen Traum gehabt:

Große Galerieausstellung in Paris, Vernissage proppevoll. Komplette Ausstellung über Nacht verkauft. Künstlerkollegen kamen, um mir ihre Referenz zu erweisen. (Meese musste leider draußen bleiben). Groupies mit ewig langen Beinen, Presse, TV und andere Schmeichler.

Völlig verschwitzt und deprimiert aufgewacht.

Zu dem Schluss gekommen, dass es zwei Sorten von Idioten gibt. Die einen machen den Mund auf, und alles was herauskommt, ist Mist. Die anderen stecken nur Mist rein.

Mönch vergewaltigt Graugans in Kohlengrube.

Manchmal wird mir schlecht davon, wie stolz Menschen auf ihren Verstand sind, auf ihr verblödetes Resthirn. Sie reden und reden einen Mist daher, kapieren nicht, wie angenehm es ist, ruhig zu sitzen, nichts zu sagen, die Welt beobachten und froh zu sein, dass das Rattenrennen gerade woanders läuft.

„So ist es nicht nur Folge des starken Kunstbegriffs, wenn etwas nach Kunst aussieht, sondern es verrät genauso viel Begriffsgehorsam, wenn jemand unbedingt Künstler sein will und alles andere diesem Ziel unterordnet.“ (Wolfgang Ullrich – Gesucht: Kunst!)

Mit der Kalenderproduktion begonnen.

Später auf dem Kiez. Füllige Brünette und dralle Blondinen hingen brüstewringend in den offenen Fenstern, und manch schmutziges Wort flog wie eine Schornsteintaube durch den schwankenden Nachmittag. Herrlich.

Ärger kompensiert und Video mit tanzenden Brathähnchen gedreht.

Später die Protagonisten abgenagt.

Ansonsten kam nichts, halben Tag auf die Wand gestarrt. Auch Anna nicht, kein Wunder.
Pfauen schlafen eben nicht mit Krähen. Jedenfalls nicht, wenn sie nüchtern sind.

Mein Gesicht ähnelt heute einer abblätternden Pissoirwand.

Mit welchen griesgrämigen Arschgeigen man diesen kalten Ort teilen muss, unglaublich.
Definitiv zu viele, kollektiver Selbstmord wäre eine Lösung. Aber wer fängt an?
Bin dann mal weg.

Ich weiß, Italien ist auch keine Lösung. Aber dort ist es wärmer und das Essen ist besser.

Tagsüber Kulturmitläufern hinterher telefoniert. Sie lassen sich verleugnen, sind feige, halten die Termine nicht ein. Muss aufpassen, dass ich mir nicht Alles verscherze.

Anna macht mich wahnsinnig:

Ein Misserfolg ist eine gute Sache, ernst, wirklich, greifbar. Ein Gegengewicht im Leben, ein Ansporn. Ich brauche diesen rührenden Dummsinn von wegen Mitte finden, positiv denken nicht.

Auch Karriere machen, Besitz anhäufen nicht. Bin auf meinem Holzweg, mit meinen Misserfolgen, zufrieden.

Meese und Neo rausgeschmissen, bin morgens zu verkatert um deren Selbstgefälligkeit auszuhalten.

Bin schon zulange mit mir zusammen und doch enttäusche ich lieber andere.
Wenn das nicht wahre Liebe ist? Eher der Konsum von Romantik.
Keine Ahnung, in mir ein weites graues Feld.

Kippe ich einen Absinth in diese surreale Landschaft, geht kurz die Sonne auf und der Mohn fängt an zu blühen.

Abends lange geheult.

Muss meinen Kopf mal wieder in üppiges Fleisch stecken. Rosa, bläulich, pastellfarben.

Anstatt dessen, von Anna die Aufforderung, dies und das „zuzulassen“. Als wäre der Umstand, dass man gelegentlich etwas weg oder gar nicht zulässt, schon per se ein Frevel.
Gegensätze ziehen sich aus.

Die Gegenwart erstickt in Banalitäten. Ich auch.

Grauer Tag am Meer. Grog. Später Abendmahl.

Lande immer wieder bei den Alten, den Existenzialisten etc: Giacometti, Beckett, Genet.
Bei den Eckenstehern, den Dürren, die kaum noch Gegenwehr haben, den Gescheiterten, den Abstrusen, am Rande Stehenden. Rausch, Perversion und exzessives Arbeiten am eigenen Ausdruck. Alles ist fleckig und brachig, alles schwankt und ist kurz vor dem Zusammenbruch. Auflösung, alles fließt: aber alles ist wie in einer absoluten Realität gefasst.

Scheiße, wo bleiben eigentlich die anderen?

Meine niederen Instinkte funktionieren, so fühlt man sich doch gleich als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft.
Solange man noch jemanden enttäuschen kann, ist Selbstmord kein Ausweg.

Wein mit Opium, das macht mich immer völlig pathetisch

Anna immer noch sauer. Aber ich glaube da besteht Hoffnung.           Wird wohl doch Liebe sein, Mitleid kann ich nicht gebrauchen. Nach dem Motto: ich mag dich auch gern.

Meine Suppe (Tütensuppe) ist die Unzufriedenheit, darauf kleine Fettaugen der Trunkenheit.

Könnte so langsam mal wieder einen Preis gewinnen, oder zumindest ein Stipendium.

Das ist ja wohl das mindeste!

Arbeit aus reiner Verzweiflung. Bin unfähig etwas anderes zu tun.

Ich kann ja nicht ständig baden, saufen und im Club rumsitzen.

Ob es Erika schon besser geht, der Imbiss ist geschlossen heute.

Hätte ihr doch an die Brust fassen sollen. Oder zumindest den Puls fühlen.

Glaubte abends nicht mehr an ein Leben nach dem Tod.

Konnte mich an nichts mehr erinnern. Erwacht neben Erika, die in ihrem Erbrochenen vor sich hin schnarchte. Eine Brust lag in dem Gewürge. Der starke Geruch hielt mich davon ab, zuzufassen. Ich goss mir 100 gr ein, beat the devil with the devil, wie Tracy immer sagt.

Bin mir sicher, dass unter dem Abendmahlstisch noch einer liegt. Betrunken, von der Kunstgeschichte unbemerkt, der alte Olek, der Apostel aus dem Osten.

Ohne mein Zutun wird auf einmal die Auftragslage besser.

Mal wieder ein wenig Opium kaufen.

Ich und der Wodka, zwei vor pastellig gelben Hintergrund, Tendenz nebliger werdend.

In diesem Nebel tauchte die Idee auf, das „Letzte Abendmahl“ von da Vinci zu verwursten.

Viele andere mussten schon dran glauben – Cranach, van Gogh, Breughel, Bosch, Spitzweg, Signorelli, C.D. Friedrich- warum nicht da Vinci?

Ging mit Anna zu Erika, benahm mich wie zu erwarten, befummelte beide.

So wird das nichts.

Und überhaupt sind die meisten zu spießig um zu Huren zu gehen, und zu geizig, sich eine Geliebte zu halten. Sollen sie, so vergrößern sie das Chaos wenigstens nicht.

Ich will an meinen eigenen Fehlern zu Grunde gehen.

Was wollte ich eigentlich sagen? Mein Hirn ist ausgetrocknet  wie der Apfel auf meinem Schreibtisch und riecht irgendwie muffig. Beim Drauftreten würde es eine Staubwolke erzeugen wie ein Bovist. Aber unter Einfluss von Alkohol und Drogen saugt es sich wieder voll, quillt auf, über gar, wie die Rose von Jericho.

Meine Güte, was ein Tag!

Leichter Kater und tiefes Unbehagen als Energie und Antrieb.

Mich nicht zu Anna rübergetraut, obwohl sie zweimal anrief.

Immerhin, sage ich mir als erwachsener Mensch, der ich gerne sein will, es sind meine eigenen Entscheidungen, in denen ich festsitze wie in einem Gefängnis. Denn so sind die Spielregeln: Ich muss mich entscheiden – und später damit leben, dass ich meine Entscheidungen bereue.

Frühstück mit Gregor und Sophie, die ich Anfang des Jahres in Paris getroffen habe. Gregor ist immer noch mit Hannelore Reuen zusammen und Sophie rennt weiterhin wildfremden Leuten hinterher. Ich fands nicht mehr ganz so spannend, wie Anfang des Jahres.
Geld wollten sie mir auch keins leihen.

Ging zu Erika rüber, sollten die beiden sich doch anschweigen.

Kunst ist auch nur bedingt ein Ausweg aus dem Dilemma des Künstlers.

Hege heute noch mehr Zweifel an den äußeren Erscheinungen der Ereignisse, misstraue dem Glück ebenso wie dem Elend. Ohne Absinth nicht zu ertragen.

Vom Frühtrunk beseelt, silikonisiert was die Quetsche hergab. Mehr Wein! Arschkalt im Atelier. Spätabends die Erkenntnis, Wein und Drogen zu reduzieren, sonst finde ich den Weg nach Italien nicht mehr. Anna sieht das auch so.

Jedes Begehren erweckt in mir ein Gegenbegehren, so dass, was immer ich auch tue, letztlich allein das gilt, was ich nicht getan habe.

Mono no aware.

Japanisch für: Das Pathos der Dinge.

In einem weinroten Separée aufgewacht, starte ich lange auf den türkisen BH, der lässig über der Stehlampe hing. Frauen weg, Geld auch.

Hotelzimmer heute nicht mehr verlassen.

Mit Spoerri und Cy Twombly in einer Münchener Eckkneipe. Reichlich Weizenbier, die Jungs zogen mächtig vom Leder. Später setzte sich auch noch die Vroni dazu, in einem Dirndl Marke „Unzucht mit Abhängigen“.

Lange über die Skulptur an und für sich diskutiert. Meine Idee eines universalen Denkmals war nicht unumstritten. Zuspruch für den Ausstellungstitel:

Eine Menge Arbeit und andere falsche Skulpturen“

Nach Mitternacht falsche Frauen und falsche Getränke.

Arbeite weiter für die Schublade. Schließlich muss man auch von etwas leben.

Liebe ist nicht mein Ding, Anna merkt das. Reagiert aber gelassen. So könnte es gehen.

Ständige Flucht vor dem Hauptstrom des Lebens, Suche nach Zuflucht in den ruhigen Seitenarmen, in denen das Wasser stinkt und abgestanden ist, aber nicht lebensgefährlich.

Mit Hilfe von Giacometti, D. F. Wallace und Karl Valentin nähere ich mich der Skulptur an, die ich machen möchte. Ernte Gekicher und Kopfschütteln, als ich Tracy davon erzähle. Sie hatte zuviel Wodka verklappt, mit Neo, der sich gern als Abstinenzler darstellt, aber ständig schwankt.

Muss ich schon wieder den Freundeskreis wechseln.

News


Schloen Infos

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Petra Fiebig + Uwe Schloen: Gemeinschaftsausstellung "Blei und Bleistift" im Till-Richter-Museum Buddenhagen
Installation in der Jakobikirche Hamburg

4.9. -8.9. 2017

workshop in Zusammenarbeit mit Carola Gottschalk

Kunstverein Göttingen
Workshop zum Thema "Fremd" an der Montessori-Schule / Hort der Montessori-Vereinigung Nürnberger Land e.V. in Lauf bei Nürnberg.
Link: http://hort.monte-blog.de/blog/
6.8. bis 15.9. 2017
Galerie am Stall, Hude
Neue Bleiarbeiten Galerie am Stall, Am Ebenesch 4, 27798 Hude
20.6. -4.7.2017
Workshop mit estnischen Künstlern
im Kunsthaus am Schüberg, Ammersbek bei HH

Weitere Informationen dazu unter diesem Link:

Kunsthaus am Schüberg Kunsthaus am Schüberg, Ammersbek bei HH
18.5. bis "Ende offen"

Strassen, Luxembourg (Skulpturen) Luxembourg
19.4. - 7.5. 2017

Noorus Gallery, Tartu, Estland (Juri Wedro) Tartu, Estland

Ausstellung mit S.Wywiorski in Krakau (Pl)

Krakau, Polen

Endveranstaltung "Dixi-Vitrine"

Dixi Show in der Galerie KDKunst, Wallhöfen und Pavel Schmidt(CH) in der Dixi-Vitrine

Galerie KDKunst, Wallhöfen