Scheiße, bin ich gut! | November

Uwe Schloen: Scheiße bin ich gut

Seit dem 1.1.2013 finden Sie hier Uwe Schloens Künstlerroman "Scheiße, bin ich gut" in täglicher Dosis.
Das Buch erschien am 31.12.2012 bei amazon als ebook.

November

Großes Buch von einem der Größten gelesen: Bukowski – Schreie vom Balkon, Briefe 1958 – 1994. Danach getrunken, ach was sage ich, gesoffen wie eine Moorleiche, geprügelt, dass es eine Art hatte um dann mit zwei Damen, die deutlich das Verfallsdatum überschritten hatten, in einer Absteige zu landen. Völliger Filmriss

Seit langem mal wieder ein klarer Krapplack-Tag. Ich bin der Krapplack und du bist moosgrün. Die Welt sah aus, als hätte sie der Schlag getroffen. Eine letzte Muse hatte sich in meinem Hemd verkrochen. Ich ließ sie machen, während ich zeichnete. Zeichnungen, die die Welt noch nicht gesehen hat. Voller Lust und Kraft, heilandzack. War so begeistert von mir, dass ich die Blätter wegschloss, damit die Jungs sie nicht zu sehen bekommen. Die kopieren schneller als man gucken kann.

Weiter an dem Bett für Fräulein Tracy gewerkelt. Ebenso bieder, wie der arme Poet von Spitzweg. Das Niveau muss man erstmal halten. Leider immer häufiger das Gefühl, dass ich Murks mache. Immer häufiger bekämpfe ich dieses Gefühl mit Absinth und Opium und immer häufiger ist dieser Kampf vergebens. Dann kommen auch noch Frauen dazu. Die reinsten Romane …

Wo steckst du?, fragt sie.
Wenn du persönlich wirst, sage ich, bist du richtig überheblich. Als wenn du immer wüsstest wo du steckst!
Lautes Türenknallen.

Nie fühlte ich mich besser als in dem Augenblick, als ich aus einem kurzen Schlummer erwachte und feststellte, dass immer noch die Sonne vom Himmel schien, die Vögel auf den Bäumen sangen und das Rauschen des Meeres zu einem erneuten, sicher noch etwas längeren Schläfchen animierte.

Hörte nicht auf meine innere Stimme, sondern ging mit Meese zu Erika rüber. Ein Fiasko.

Als kleiner Trottel aufgewacht, gen Mittag war ich der Größte, schrumpfte nachmittags auf Normalmaß. Abends wieder kleiner Trottel.

Ich ging und kam wohin ich kam.

Kaum war ich angekommen war ich dort.

Und blieb auf einige Biere.

Genius – das ist Leichtigkeit am Morgen, Reinheit der Konstruktion am Mittag, leichte Melancholie am Abend.

Aufbau eines strikten Tagesplanes und Planung des nächsten Jahres. Unerlässlich für mich, sonst gehe ich im allgemeinen Tohuwabohu unter oder verstricke mich total.

Aber ich plaudere aus dem Nähkästchen. Ich will hier ja nicht indiskret werden.

Ich meinte, wirksame Sonnencremes seien heute unfortunately unumgänglich, da im Himmel ein Loch sei. Er blickte mich prüfend an und sagte etwas in der Richtung, dass man sich von Mädchen niemals überraschen lassen sollte- falls ich wisse, wovon er spreche. Ich sagte, dass wisse ich sehr gut, fügte aber hinzu, dass jede dunkle Wolke einen silbernen Rand habe. Etwas unsicher stimmte er mir zu. Ich schluckte zwei Knödel gleichzeitig runter und merkte an, dass es heute unfortunately sehr heiß sei, zumindest hier so neben der Friteuse.

Immer weniger Menschen gelingt es, dem eigenen Schicksal zu entsprechen, sie selbst zu sein. Und so bleibt zuletzt nur die Verlegenheit und die Scham über Ereignisse und Taten, deren Authenzität fraglich ist.

Ein Künstler braucht keine Kritik, ein Künstler braucht Anerkennung. Wenn er Kritik braucht, ist er kein Künstler. Versuchte dies Anna klarzumachen. Sie zog kopfschüttelnd von dannen. Abends bei Erika sorgte die These für allgemeine Heiterkeit. Geht doch.

Erst war ich auf. Jetzt bin ich wieder zu.

Einfach weitergearbeitet. Heute mal nicht daran gestört, dass man der Pausenclown der Kulturmitläufer ist. Opium und achte Symphonie von Mahler.

Frühschoppen mit Tracy. Sie musste dann mal wider zu einem Talk-Show Termin.

Ich in den Club. Dort den Mädchen erklärt, dass ich auf ihrer Seite bin. Meinen Goldschmuck verschenkt, und erklärt warum ich der ideale Sexualpartner für eine Nacht bin. Schallendes Gelächter. Zwei konnten sich der Argumentation nicht verschließen.

Danach großartige Bilder gemalt. Geht doch!

Wenn ich doch nur aus Faulheit untätig wäre. Heilandzack, wie würde ich mich dann achten. Ich würde mich gerade deswegen achten, weil ich dann doch fähig wäre, wenigstens faul zu sein. So fällt mir gar nichts ein. Kläglich.

Lola auf der Straße getroffen. Standen uns dumm gegenüber, knickte innerlich ein. Ich war schon immer gut darin, den Glauben an mich und die Hoffnung anderer Leute zu enttäuschen.

Mir fiel auf, dass ihr Körper für ihre Brüste viel zu klein war, genau wie mein Kopf früher für meine Nase. Ich fasste mir an die Nase und ging. Manche Dinge tut man einfach und denkt erst hinterher beim Bier darüber nach. Mein Psychologe jedoch hat wunderbare Erklärungen dafür, so schön, dass einem beim Zuhören die Tränen in die Augen treten.

Bei Erika Bier getrunken und nachgedacht bis Kuddel kam.

Später kopuliert. Mehr war aber nicht!

Die Ordnung in den Städten ruiniert mir gänzlich die Nerven. Träume von Neapel, Odessa und Bukarest. Ausgebrannt, schwindelig und irgendwie neben der Kappe. Die ganzen sauren Gesichter geben mir den Rest, von dem coolen Gehabe ganz zu schweigen.

Könnte Bäume aufreißen ...

Die Frauen sind mit den anderen Jungs auf einem angesagten Performance-Festival in Estland.

Und wer die estnische Performance kennt, weiß was da los ist.

Abends nur geheult, komaartiger Schlaf.

NDR zeigte Film über Skulpturen rund um Neunkirchen. Leider die mail zu spät erhalten.

Denn dort wartet auch mein Pasolini-Bunker auf Sterbehilfe. Immer unterwegs und überall zu spät. Mit den Frauen gab es ähnliche Situationen, das heißt, es gab die Situationen, Frauen nicht wirklich.

Der Weise vögelt mit der Närrin, der Bürger mit der Nachbarin.

Häh? Weiß überhaupt nicht, was ich damit sagen will, ein stilles Entgleiten. Biofleisch und Opium, später Bier.

Nach gemeiner Auffassung von Kulturmitläufern muss ein Künstler arm sein, leiden, evtl. sogar wahnsinnig werden und sich am besten das Leben nehmen. Letzterem stimme ich zu, es gibt eh zu viele Künstler. Als sei Wahnsinnigwerden der konsequenteste künstlerische Ausdruck. Es wird Zeit, dass Galeristen, Kuratoren, Kunsthistoriker und Museumsdirektoren wahnsinnig werden, hungern und leiden. Anstatt sich den Arsch platt zu sitzen, sich mit Künstlern zu brüsten, vor allem jungen Frauen, da sie zu geizig sind in den Puff zu gehen, und zu glauben sie seien der Nabel der Welt. Dabei haben die meisten noch nicht mal den tiefen Teller erfunden.

Woher auf einmal diese Hasstirade? Zur Kompensation rüber zu Erika. Leise beben die Lenden.

Der Moralist kann kein Künstler sein, weil er die Welt nicht schafft, sondern über sie richtet und so eine völlig überflüssige Arbeit erledigt.

„Das Übel gedeiht nie besser, als wenn ein Ideal davorsteht.“ (Karl Kraus)

„War ich in erotische Krise.“ (Milena Jesenska vor Gericht, auf die Frage warum sie gestohlen habe)

Die Schwester von Lola in der „Ritze“ aufgesucht. Zu viele Hackfressen an der Theke.

Kann meinen Mund nicht halten. Gefährlich. Nach einer Flasche Wein das Gefühl der Größte zu sein, das gibt sich erst nach der dritten wieder. Auf allen Vieren nach Hause, musste ein Auge zukneifen, um nur einen Fußweg zu sehen.

Der mir am meisten gemäße Selbstmord ist, so scheint es, das Leben. Abwarten.

Ausstellung von Katharina Fritsch angesehen. Banalitäten, viel zu aufgeblasen. Das war mal gut als Ansatz, heute macht jeder so banales Zeug. Meese, diese zerfledderte Selbstinszenierung stand dort auch rum, wollte mit mir über Lola reden. Keine Lust in der Vergangenheit stehen zu bleiben. In eine Galerie geflohen, eine der dort ausstellenden Künstlerinnen hatte auch den Luxemburger Preis erhalten und ein Stipendium in Bad Ebernburg. Habe den Preis vier mal gewonnen! Warum hänge ich nicht in der Galerie, sondern immer mit irgend welchen Idioten rum?

Wer A sagt, muss nicht notgedrungen B sagen. Scheiß auf Konsequenz, sage Q, sage W, egal.

Der Zick-Zack-Weg ist das Spannende, der Holzweg, die eigene Sackgasse finden, sich zu ruinieren und nicht wie alle anderen. Links abbiegen und ab durch die Mitte. Der Sozialisation und der political correctness ein Schnippchen schlagen. Es vorziehen, es lieber nicht zu tun.

Abends mir konsequent die Kante gegeben. One in the onion. Alle Lampen an.

Das „normale „ Leben ist mein Problem. Oder zumindest eins von vielen.

Kein Wort des Leidens soll mehr über meine Lippen kommen. Raus aus den Filzlatschen, rein in die Gummistiefel und rüber zu den Highheels.

Rufe bei Olga an, um nochmals dem lächerlichen Vorgang mit der Fleischwurst näher zu kommen. Ihrerseits nur Gelächter, im Hintergrund Männerstimmen. Absinth.

Nackt in der Badewanne eingeschlafen, an den Füssen Gummistiefel.

Ich komm halt vom Land.

Nach Tschechow ist der Sinn des Lebens so was Ähnliches wie eine Möhre. Nur bläulicher.

Habe meine kleine Fleischwurst gestern noch in der Erika versenkt, unschön rumgewackelt und mir die Nieren erkältet. Oder war es eine kleine, bläuliche Möhre? Denn der Sinn des Lebens ist 42.

Daher ziehe ich, wie so oft, eine Tatortwiederholung oder ein schlechtes Buch einem Gespräch vor.

Aus der Ahnung heraus nichts zu sagen zu haben, Zuflucht bei großen Namen gesucht.

Da bin ich nicht der Einzige, dies wird gern gemacht. So bleibt es beim Apportieren von starken Namen, bildungsbürgerlichen Gemeinplätzen und aktuellen Großthemen, also die dünne Sau, die gerade durch das Dorf getrieben wird, was allein jedoch weder Erkenntnis schafft, noch ein Mehr an Erfahrung vermittelt, also der pure Dummsinn, bullshit.

Fällt einem nichts ein, geht man besser zu Erika.

Andererseits, einem Künstler dem nichts einfällt, der hat seinen Beruf verfehlt.

Bei der Arbeitsvermittlung nicht aufgepasst.

Ich baute morgens innige Beziehung zu meinem Toastbrot auf. Legte meine Wange auf die warme Scheibe. Herrlich, lebendig. Gleich wieder zufrieden auf dem Kanapee ausgestreckt. Nachmittags Brotskulpturen entworfen. Abends Fisch und Chips. Früh ins Bett.
Magengrummeln.

Anruf von Leuten, bei denen ich seit 15 Jahren Skulpturen und den ersten Bleibunker lagere.

Muss alles weg, da sie das Haus verkaufen. Ungünstig! Andererseits kann ich mich nicht beklagen, hab die Sachen dort abgeladen und mich 15 Jahre nicht gemeldet.

Diese Produktion auf Halde…da liegt kein Segen drauf.

Erstmal zu Olga, die sich ziemlich zierte, nachdem ich mich so an ihren Tattoos abgemüht hatte. Da steckt doch bestimmt Neo oder einer von den anderen Jungs dahinter.

Was man alles dafür tut um Künstler zu bleiben. Sozusagen der Pausenclown für eine verschwindend geringe Menge an gutsituierten, „kultivierten“ Leuten.

Arschkalt im Atelier. Früh zu Erika rüber. Grog getrunken. Und auf ihre riesigen Brüste gestarrt. Danach hochgradig melancholisch.

Geträumt, ich sei das Silikon, welches ich selber aus der Tube quetsche.

Ich bin das Silikon. Egal ob in der Schönheitschirurgie oder im Badezimmer. Ich bin’s!

Mein Fotomaterial ist lausig, dafür habe ich jede Menge davon.

News


Schloen Infos

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Petra Fiebig + Uwe Schloen: Gemeinschaftsausstellung "Blei und Bleistift" im Till-Richter-Museum Buddenhagen
Installation in der Jakobikirche Hamburg

4.9. -8.9. 2017

workshop in Zusammenarbeit mit Carola Gottschalk

Kunstverein Göttingen
Workshop zum Thema "Fremd" an der Montessori-Schule / Hort der Montessori-Vereinigung Nürnberger Land e.V. in Lauf bei Nürnberg.
Link: http://hort.monte-blog.de/blog/
6.8. bis 15.9. 2017
Galerie am Stall, Hude
Neue Bleiarbeiten Galerie am Stall, Am Ebenesch 4, 27798 Hude
20.6. -4.7.2017
Workshop mit estnischen Künstlern
im Kunsthaus am Schüberg, Ammersbek bei HH

Weitere Informationen dazu unter diesem Link:

Kunsthaus am Schüberg Kunsthaus am Schüberg, Ammersbek bei HH
18.5. bis "Ende offen"

Strassen, Luxembourg (Skulpturen) Luxembourg
19.4. - 7.5. 2017

Noorus Gallery, Tartu, Estland (Juri Wedro) Tartu, Estland

Ausstellung mit S.Wywiorski in Krakau (Pl)

Krakau, Polen

Endveranstaltung "Dixi-Vitrine"

Dixi Show in der Galerie KDKunst, Wallhöfen und Pavel Schmidt(CH) in der Dixi-Vitrine

Galerie KDKunst, Wallhöfen