Scheiße, bin ich gut! |Juni

Uwe Schloen: Scheiße bin ich gut

Seit dem 1.1.2013 finden Sie hier Uwe Schloens Künstlerroman "Scheiße, bin ich gut" in täglicher Dosis.
Das Buch erschien am 31.12.2012 bei amazon als ebook.

Juni

Gestern nach dem achten Eierlikör bei Erika geblieben. Obwohl Hirnforschung nicht sein Fachgebiet ist, weiß Kuddel zum Thema Schön-Saufen sicherlich eine Menge. Werde ihn fragen, aber nicht heute, trau mich nicht rüber.

Es bleibt mir ein Rätsel, woher Menschen die Sicherheit nehmen über Andere zu urteilen.
Oder zu wissen, was für sie das Beste wäre. Aber ich kann nicht ständig den Freundeskreis wechseln, nur weil jemand meint ich sei ein Hurenbock. Aber nicht im Ansatz über die Thematik nachgedacht hat, weil sein Spatzenhirn diese Möglichkeit nicht vorsieht.

Heilandzack.

Ich musste so viele vollkommen unbedeutende Jahre leben, um endlich zu verstehen, dass die einzige theoretische Frage, die tatsächlich von Interesse ist, über die man nachdenken und sprechen will, die einem von Zeit zu Zeit keine Ruhe lässt, die Frage des Gedächtnisses ist. Das eigene natürlich. Und wie verlässlich es ist. Wann zum Beispiel wollte ich mich mit Olga treffen und wann brauchte Tracy ihr Geld.

Ging zu Erika rüber und quatschte Kuddel zu. Hirnforschung war allerdings nicht sein Hauptinteresse. Erika sah aber auch wieder gut aus.

Sitze mit meiner Pimmelwarze beim Hautarzt. Jeder neue Patient wird gemustert und man fragt sich, wie kommt denn der trockene Zwieback an eine Geschlechtskrankheit.

Im Atelier regnet es durch, Werkzeug verrostet, Maschinen fallen aus.

Mit der Motorsäge Krüppel und Schwein gesägt. Nehme ich mit nach Estland um dort Fotos zu machen. Meese kam vorbei, völlig durch den Wind, hatte sich mit Lüppertz um Koks geprügelt, Damen waren auch dabei, es kam zu kompromittierenden Situationen. Konnte ihn beruhigen, weder für den Krüppel noch für das Schwein hatte er Modell gestanden.

Die Arschgeige hinterm Vorhang zeigte ich ihm nicht.

Weiterhin im Vollbesitz meiner Zweifel über mein Tun, und überhaupt.
Muss weiter am Pfuschen arbeiten, so wird das noch nichts. Dafür Garten der Lüste, Discokugel und Lichtorgel installiert. Das ganze 70iger Jahre Programm.
Gen Abend Zeichnungen von dicken Menschen am Strand, auf bunten Decken.
Gerade dachte ich, wo wohl Tracy steckt, da rief sie an, braucht ihr Geld zurück.
Konnte sie mit Naturalien abwimmeln. Diese ewige Seuche, kein Geld. Und hab ich dann mal was, gebe ich es mit beiden Händen aus. Zu dumm zum Brot schneiden.

Dafür im Club wieder einen raushängen lassen. Anschreiben lassen.

Nicht-Können können, geht nicht immer. Versuchte Figuren mit der Motorsäge nicht zu können. Klappte nur bedingt.

Zwischendurch herrliches Hartz 4 Leben: Weihte mit Olga den roten Ledersessel ein, während der Gärtner sich um den Rasen kümmerte. So geht es doch auch.

Wenn es nicht so schwer wäre vernünftiges Hauspersonal zu finden.

Mutter und Kind gehen am Rand der breiten Ausfallstraße entlang. Verdörrte Blumen zwischen Plastiktüten, Scheißhaufen und alten Kondomen, die wie eingetrocknete Regenwürmer aussehen. Immer an der Leitplanke lang. Die Autos rasen hupend vorbei, stoßen ätzende schwarze Wolken aus. Erst stehen noch Backsteinhäuser, dann nur noch Platte soweit das Auge reicht. Als nur noch Reklametafeln und struppiges Gebüsch über ist, biegen sie links ab, auf einen schmalen Fußpfad. Das Kind fragt: Ist Papa tot?

Ja, Kind, mit der Sichel im Kopf konnte er nicht weiterleben.

Schweiß gebadet aufgewacht. Der Resttag war ähnlich. Krapplack.

Irgendwann erkannt, dass man Fenster auch öffnen kann. Es kommt dann Frische herein.

Gehe schon morgens zu Erika in den Imbiss. Krakauer und Salat. Die anderen Wahnsinnigen sind alle da. Kuddel, der nur auf Erikas Brüste guckt, Heini starrt in sein Bierglas und bestellt alle Viertelstunde `nen Korn. Ein Dicker sitzt rauchend und rülpsend in der Ecke, ein Dünner frisst die Zeitung auf und spült mit Cola -Rum nach.

Spiele mit Kuddel und Heini Fischen, aber keiner ist bei der Sache.

Angetrunken wanke ich ins Atelier und schlafe auf dem roten Ledersessel ein.

Nachts die Zeichnungsserie: Anspruch und Wirklichkeit angefangen.

Apropos, wo sind eigentlich die Frauen alle?

Leben ist ein Donnerstagnachmittag.
Und der Tod ist der Meister.
Was soll dieses ganze Rattenrennen also?

Für Geld machen die Leute alles. Sie gehen sogar arbeiten.

Der rote Sessel steht ein wenig mitgenommen am Straßenrand. Mir kommen die Tränen, ich nehme ihn mit ins Atelier, Steht zwar schon alles voll, aber irgendwie stopfe ich ihn noch hinein. Bekommt sogar einen Ehrenplatz.

Der Ungar und das Ungare (Schöner Ausstellungstitel)

Dubufet in der Kunsthalle. Schön dreckig, schmutzig. Hab ihn lange nicht mehr gesehen, fast eine Wiederentdeckung. Roh. Dagegen ist Leipzig Hauptschule.

Auf meinem Balkon liegt eine tote Drossel. Werfe sie auf den Rasen, neben ein Gebüsch. Eine andere Drossel kommt aufgeregt angehüpft und schnattert lauthals um die Tote herum.

Loch im Kopf. Ein Nichts, welches trotzdem schmerzt. Und dann kam auch noch Meese vorbei und nervte fürchterlich. Wie konnte es nur soweit kommen mit mir?

Immerhin war ich in einem anderen Leben Ornithologe und hatte Haustiere.

Von einer Artistin aus den mittleren Karparthen geträumt. Sie fragte mich, wo ich ihre Bälle gelassen habe. Konnte mit der Frage nichts anfangen. Artistin läuft lachend davon.

Bild der Artistin gemalt, auf bunter Decke. Niveau: glutäugige Zigeunerin.

Noch nicht ganz trocken und schon von der Staffelei weg verkauft. So geht das!

Abends im Club dicken Max aushängen lassen. Zuviel Wodka.

Vermisse den roten Sessel. Seit vorgestern verschwunden.

Auch das Fehlen von Geld macht sich bemerkbar, weniger Opium in letzter Zeit.

Geld? Daran hatte ich nun wahrlich nicht gedacht. Ich kann mich nicht um alles kümmern.

Mein Gehirn teilt mir zwar selten die Wahrheit mit, aber in den meisten Fällen teilt es mir genau das mit, was ich auf jeden Fall wissen muss. Dies kann ich von den meisten Freunden nicht behaupten! Oder so ähnlich, jedenfalls muss irgendwo Geld herkommen.

Evtl. älteren Witwen als Begleitung anbieten, mit Übernachtung. Rent an artist.

Tracy davon erzählt, sie leiht mir erstmal was. Glück gehabt.

„Könnte ich wählen zwischen der Realisierung des Sozialismus und einem Harem – als Quelle persönlichen Glücks-, würde ich mich immer für das zweite entscheiden.“ (A. Tizma)

Garten der Lüste weiter. Discokugel und Lichtorgel dafür gekauft.

Wollte in Estland mit einer kleinen Ausstellung aus dem Koffer, bzw. Paket durchkommen, aber heute die Nachricht, dass allein die Schlossgalerie 200 qm groß ist.

Also alles vor Ort aufblasen. Aus klein mache groß. Auch die Bedeutung.

Kornblumenblau.
Klatschmohnrot.
Rapsgelb.
Der knallrote Ledersessel steht jetzt an der Straße. Sperrmüll?

Sonntagsausflug nach Bad Sülze. Abends Tatort aus Bremen.

Kann weiter nicht aufhören, ich selbst zu sein, so gern ich auch anders wäre – geistreich, leichtsinnig, kosmopolitisch.

Hingegen ein fataler Hang zur Peripherie, eine romantische Liebe zu allem, was verschwindet, untergeht und zerfällt.

Die Widersprüche in meinem Leben machen mich sprachlos.

Also weiter arbeiten.

Auf dem penibel gepflegten Rasen des Nachbarn steht ein knallroter Ledersessel. Verlockend.
Erotischen Wahnsinn ausstrahlend. Ach, könnte Lola das sehen!

Wenn ich in klaren Momenten Menschen sehe, die aufopferungsvoll ihren Beruf machen, die helfen, pflegen oder auch freundlich an der Kasse sitzen, dann überkommt mich leichter Ekel, ob meiner Egozentrik, der Selbstverwirklichung und dieses ganzen verlogenen Zeugs.

Verdränge dies, raunze die Kassiererin an und denke, Ihr Arschgeigen.

Ich muss mich mit ein wenig Talent rumschlagen, die größte Gottesstrafe. Man denkt immer, man ist gut, aber es reicht nicht. Erstaunlich nur, dass man selbst mit ein wenig Talent Kunstpreise und Stipendien bekommt. Aber wahrscheinlich sind solche Anerkennungen ebenso contraproduktiv.

Früh zu Bett, Decke über den Kopf. Einfach atmen!

Kunstpreis Verleihung im Stadttheater. Gedränge wie auf dem Opernball.

Riesen Applaus als mir der Scheck für den ersten Preis überreicht wurde.

Schon weniger als mir der Scheck für den zweiten Preis überreicht wurde.

Leises Grollen bei der Übergabe des dritten Schecks.

Kann ich auch nichts für, wenn die anderen so schlecht sind.

Dafür nicht mit zum Essen gegangen. Alleine in einer Bar gesessen. Tränen.

Wenn das so weiter geht werde ich noch eine lokale Berühmtheit. Das wollte ich nie!

Schönen Abend mit Olga verbracht. Wir sind ein gutes Team, ich mit meiner Angst vor Nähe, sie mit ihrer Distanzlosigkeit. Sie konnte sich gar nicht mehr daran erinnern, dass ich im betrunkenen Zustand jemals zu so präzise ausgeführten Bewegungen in logischer Reihenfolge fähig gewesen bin. Da gibt man alles und das ist der Dank dafür.

Kunst ist schlimmer als Kopfweh.

Tagsüber gearbeitet, Frauen auf bunten Decken.

Abends Meese samt Mutter zu Besuch. Ich trank Fernet auf Absinth mit 5 Tropfen japanischem Heilöl. Meeses Mutter war auch keine Kostverächterin, allerdings stellte ihr täglicher halber Liter Hausbrand nur einen Schluck Messwein dar im Vergleich zu Meeses Leistungen, der sich damit brüstete, dass er alles trank, von Jungfrauenpipi aufwärts.

Alles in allem ein gelungener Abend.

Von Sanatorium geträumt. Ruhe, Erholung, raus aus dem Rattenrennen. Irgendwo auf einem Berg, verliebe mich in eine blasse, hysterische Russin, schmiede mit ihr Revolutionspläne. Abends Opium und Sherry bis der Therapeut kommt. Ab und an Freigang.

Oder um es mit Pavese zu sagen: Das Handwerk des Lebens besteht darin, jedwede Schweinerei zu begehen, ohne die eigene innere Ordnung zu zerstören.

„Er war jemand! Er war Maler beim staatlichen Betrieb für Obst und Gemüse! Und jetzt?

Jetzt sitzt er im 'Zerknautschten Traktor'!“ So zischeln die Leute, wenn ich in meinem Tschechow-Mantel durch die Stadt gehe, Karamellen verteile und dem Volk zu rufe: ich möchte kein Trübsal sehen!

Aber was soll man erwarten, die meisten haben halt den tiefen Teller nicht erfunden und dann diese Langeweile.

Von wegen Obst und Gemüse, Garten der Lüste: Nackte Frauen auf bunten Decken, Behinderte in allen Kategorien, meist ohne Arme. Wenn das nichts ist. Man kann natürlich auch die erste Einbauküche in einen Pavillon in Venedig setzen und obendrauf eine sprechende Katze, geht auch.

Natürlich habe ich nicht alle Tassen im Schrank! Wer hat das schon?

Muss weiter am Garten der Lüste arbeiten, es soll noch ein falscher Centaurus dazu.

Will jetzt Ruhm, Ehre, Groupies und Geld, Nachruhm schmeckt immer nach Trostpreis und Sauermilch.

Vor mir auf dem Tisch liegen Aquarellfarben, Buntstifte und Filzstifte. Wenn die eine Technik versagt, mache ich mit der anderen weiter. Und weil heute alles nicht klappte in 28 Lokalen gewesen, und alle Achtung, in jedem nicht mehr als drei Bier getrunken.

Und Freunde fürs Leben gefunden. Geht doch, man muss nur mal raus aus dem Trott.

Mein Hausarzt lachte: Selbst Sie wollen zuviel Sicherheit! Alles nur damit der fiese schwarze Wadenbeißer nicht zu früh kommt. Ich schreib ihnen mal eine Salbe auf.

Mich komplett damit eingerieben. Roch danach wie eine alte Dieseltankstelle und mir kamen hellgrüne Fäden aus den Ohren, dünn wie Nähgarn. Vielleicht war das Weizenkorn aufgegangen und reckte sein kleines kühnes Köpfchen nach dem Licht.

Den Faden abgeschnitten und auf die Zeichnung mit Olgas Brüsten geklebt.

Das widr der Durchbruch.

Ich bin so narzisstisch, dass ich sogar meine abgeschnittenen Fingernägel sammle.

Ich laufe gerade aus. Ich laufe geradeaus. Der eigene Kreislauf hält einen in Bewegung.

Meese seit seinem Striptease an der Stange nicht mehr gesehen. Nicht wirklich schade, aber ich habe im Moment so wenig zu lachen.

Wehe dem Künstler, der seinen Größenwahn nicht pflegt, der ihn schwinden sieht, ohne etwas dagegen zu unternehmen. Bald wird er merken, dass man nicht ungestraft normal wird.

Musste heute morgen daran denken, wie es dazu gekommen ist, dass ich so ein Leben führe.

Wo ich doch mal Bücher gelesen habe und einen Hamster als Haustier gehalten habe.

Alles nur weil ich mit 17 mal gelogen habe?

Abends im Club fühlte ich mich wie eine Kröte. Warzige, stinkende Haut, fett und zu kaum einer Artikulation fähig. Die anderen benahmen sich mir gegenüber ganz normal.

Muss ich mir Sorgen machen?

Zeichnung von Olgas üppigen Brüsten gemacht. Lässt sich gut verkaufen. Ihr dafür einen meiner goldenen Ringe geschenkt.

Habe mich heute ganz der Autoerotik hingegeben. Dazwischen immer wieder Krisen:
Wie geht es weiter? Wo kommt das Geld her? Was soll das Ganze?

Unerquicklich, ganz unerquicklich.

Von grünen Eidechsen geträumt, die sich in graue Lebenskrisen verwandelten.

Wechseljahre?

Ich liebe dünne Bücher.
Ich kenne die Dauer meines Lebens nicht und viele Bücher haben über 500 Seiten.
Beides lässt sich nicht miteinander vereinbaren.
Lüppertz sieht das bestimmt anders, aber der hat eine Vorliebe für alles Dicke.

Mache innerlich ein Fass auf und lass es sprudeln. So geht’s doch auch.

News


Schloen Infos

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Petra Fiebig + Uwe Schloen: Gemeinschaftsausstellung "Blei und Bleistift" im Till-Richter-Museum Buddenhagen
Installation in der Jakobikirche Hamburg

4.9. -8.9. 2017

workshop in Zusammenarbeit mit Carola Gottschalk

Kunstverein Göttingen
Workshop zum Thema "Fremd" an der Montessori-Schule / Hort der Montessori-Vereinigung Nürnberger Land e.V. in Lauf bei Nürnberg.
Link: http://hort.monte-blog.de/blog/
6.8. bis 15.9. 2017
Galerie am Stall, Hude
Neue Bleiarbeiten Galerie am Stall, Am Ebenesch 4, 27798 Hude
20.6. -4.7.2017
Workshop mit estnischen Künstlern
im Kunsthaus am Schüberg, Ammersbek bei HH

Weitere Informationen dazu unter diesem Link:

Kunsthaus am Schüberg Kunsthaus am Schüberg, Ammersbek bei HH
18.5. bis "Ende offen"

Strassen, Luxembourg (Skulpturen) Luxembourg
19.4. - 7.5. 2017

Noorus Gallery, Tartu, Estland (Juri Wedro) Tartu, Estland

Ausstellung mit S.Wywiorski in Krakau (Pl)

Krakau, Polen

Endveranstaltung "Dixi-Vitrine"

Dixi Show in der Galerie KDKunst, Wallhöfen und Pavel Schmidt(CH) in der Dixi-Vitrine

Galerie KDKunst, Wallhöfen